Geschichte(n) erzählen: Das dunkelste Kapitel erzählbar machen

Jeder Tag wie heute von Ron Segal. Eine Rezension von Annemieke Kuper Geschichte(n) erzählen: Das dunkelste Kapitel erzählbar machen weiterlesen

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Wie es ist, ein Eisblock zu sein

Rezension von Athina Anastasiou Nach neun Jahren entscheidet sich Eva zum Schauplatz ihrer Vergangenheit zurückzukehren. Dorthin, wo sie längst nicht mehr sein wollte: Bovenmeer, einer kleinen Provinz am Rande Belgiens, wo sie ihre Kindheit verbrachte. Mit einem Eisblock im Kofferraum startet sie ihre Reise in Belgien, fängt immer wieder Gedankenschnipsel längst verdrängter Erinnerungen auf. Sie handeln von dem Bund der Freundschaft, dem aufregendsten Sommer ihres Lebens, von all den Enttäuschungen und Schmerzen ihrer längst zerbrochenen Familie. Lize Spit erzählt mit ihrem Debütroman die Geschichte einer Frau, die uns von den Ereignissen ihrer trostlosten Kindheit berichtet. Dabei setzt sie den Stift … Wie es ist, ein Eisblock zu sein weiterlesen

Gemacht an der Front, gedeutet am Küchentisch

Rezension von Annemieke Kuper „Meine kroatische Familie ist wie ein Beefsteak Tatar, dieses Gericht, das auf dem Teller gut aussieht, von dem aber niemand so genau weiß, was es enthält.“ So beginnt Richard Swartz‘ Blut, Boden & Geld (2016), ein in vielerlei Hinsicht anspruchsvolles Werk, das im komplexen kulturellen Geflecht der kroatischen und jugoslawischen Geschichte einen Bogen zwischen Krieg, Identität und der Unbeständigkeit des irdischen Daseins spannt. Richard Swartz ist Schwede, lebt aber seit etwa 25 Jahren in einem kleinen Dorf im istrischen Sovinjak und pendelt mehrmals im Jahr zwischen Wien, Zagreb und seiner Geburtsstadt Stockholm. Wie seine Publikationsgeschichte zeigt, … Gemacht an der Front, gedeutet am Küchentisch weiterlesen

Ein Schlag in die Magengrube

Rezension von Annika Depping Ellbogen Hazal ist Deutschtürkin und die Welt hat nichts anderes im Sinn, als ihr die Ellbogen in den Magen zu rammen. Also schlägt Hazal zurück, schlägt in der Nacht ihres achtzehnten Geburtstags einen Studenten, bis er auf die U-Bahn-Gleise fällt. Blut spritzt, Hazal und ihre Freundinnen laufen davon. Boom – Fatma Aydemirs Roman „Ellbogen“ trifft zwischen die Rippen, dass einem die Luft wegbleibt. Hazal ist die Ich-Erzählerin in Aydemirs Roman. Sie redet frei von der Leber weg, flapsig gehen ihr Sätze wie „diesem Leben gehört ordentlich die Mutter gefickt“ über die Lippen und verleihen Hazal eine … Ein Schlag in die Magengrube weiterlesen

„Im Abendland wächst die Unruhe“

Rezension von Mareike Dominique Grau „Jetzt stolpert das Paar in mein Dorf.“ Dort, wo Vigdis mit ihrem Ehemann hinfloh, besitzt Hertmans heute ein Ferienhaus. Von dort nimmt er den Leser mit auf die Reise durch Land und Zeit. Und lässt uns teilhaben am berührenden Schicksal einer Frau, die noch viel zu jung ist, um die Konsequenzen ihrer Entscheidungen begreifen zu können, und nicht ahnt wie sehr sich die geschichtlichen Ereignisse auf ihr Leben auswirken würden. Erst als sie mitten in einen Kreuzzug gerät, einen Pogrom miterleben muss und beinahe als Hexe verbrannt wird, erfährt sie, dass die religiöse Intoleranz der … „Im Abendland wächst die Unruhe“ weiterlesen

Über das Zusammenspiel von Privilegien und Rassismus

Rezension zu Mohamed Amjahids Unter Weissen: Was es heißt privilegiert zu sein von Mehregan Behrouz ‚Unter Weissen‘ bezeichnet als Titel so ziemlich genau, was man als Leser*in erwartet: das Leben und einen Alltag inmitten von Menschen, die weiss sind. In seinem Buch macht Mohamed Amjahid seine Erfahrungen beispielhaft zum Mittelpunkt der Erzählung. Geboren in Frankfurt und aufgewachsen in Deutschland und Marokko hat Amjahid zunächst Politikwissenschaften studiert und hinterher eine Karriere als Journalist gestartet: Er arbeitet momentan als Redakteur bei der Zeit. Eigentlich eine sehr weisse Karriere. Dennoch begegnen ihm immer wieder Menschen, die ihm erklären möchten wie Fahrradwege funktionieren, wie … Über das Zusammenspiel von Privilegien und Rassismus weiterlesen

Trotz Trauma zum Traum

Rezension von Neneh Sowe Es grenzt an einen Albtraum, was der siebenjährigen Samira widerfährt. In der Ukraine der 90er Jahre erlebt Samira alles, wovor Eltern ihre Kinder eigentlich schützen wollen: Das Leben im Heim, Missbrauch, Gewalt und Prostitution. Immer, wenn man denkt es geht für ein Kind in dem Alter nicht schlimmer wird noch eine böse Erfahrung draufgesetzt. Als ihre beste Freundin Marina von einem deutschen Paar adoptiert wird, flieht Samira aus dem Heim. Sie will nach Deutschland zu ihrer Freundin, die ihr in Briefen schildert wie schön es dort ist. Diese Vorstellung von Deutschland verankert sich in Samiras Kopf … Trotz Trauma zum Traum weiterlesen

Flucht als Moment vollkommener Kontextlosigkeit

Rezension von Laura Marie Sturtz Olga Grjasnowas Roman Gott ist nicht schüchtern erzählt die Geschichte von Hammoudi und Amal im Damaskus der Revolution. Er ist Arzt in Paris, doch kann nicht dorthin zurück, weil die syrischen Behörden sich weigern, seinen Pass zu verlängern, sie ist Schauspielerin und studiert an einem renommierten Institut. Mit klaren Worten, die intimste Momente greifbar machen, entfaltet Grjasnowa das Leben zweier junger Menschen, ein Gegenüber, dessen Schicksal man sich nicht entziehen kann, weil es so vieles spiegelt: Wünsche, Träume, emotionale Bindungen und eine hoffnungsvolle Zukunft. Doch in Damaskus manifestiert sich die steigende Beklemmung in der Gewalt … Flucht als Moment vollkommener Kontextlosigkeit weiterlesen

Aus dem Zentrum in die Welt – Mosaik Europa

Rezension von Maimuna Sallah Die Europäische Union vereint viele Hauptstädte: Von Berlin über Kiew, bis hin zu Athen oder Wien. Doch in Robert Menasses Europa-Roman „Die Hauptstadt“ ist Brüssel als neue Wiege Europas Dreh- und Angelpunkt des Plots – und eine funktionale Leitfigur niemand geringeres als ein Schwein, das die Stadt in Atem hält. Europa, wofür stehst du? Nicht nur in der Fiktion des Romans ist das Image der EU Kommission den Umfragewerten nach lädiert und bedarf einer Aufpolierung. Die Lösung, die in Menasses Roman „Die Hauptstadt“ geboten wird, ist eine Feierlichkeit, die zum Big Jubilee Project zugespitzt wird: Eine … Aus dem Zentrum in die Welt – Mosaik Europa weiterlesen

Auf der Suche nach dem eigenen Ich?

Dragan Velikić, Jeder muss doch irgendwo sein Rezension von Maria Rukover „Nach der Beichte fühlt sich der Mensch keineswegs gereinigt. Ganz im Gegenteil. Er fühlt sich wie ein Mülleimer. Nachdem er sich seiner sämtlichen besseren Versionen entledigt hat, bleibt er mit der allerschlechtesten zurück, mit derjenigen, die man niemals und niemandem beichtet.“ Dragan Velikić gehört zu den wichtigsten zeitgenössischen serbischen Autoren. Sein neuer, 300-Seiten starker Roman Jeder muss doch irgendwo sein erschien 2017 im Hanser Verlag und setzt damit seine Erfolgsgeschichte auch außerhalb der Balkanregion fort. 1953 in Belgrad geboren, verbrachte Velikić seine Kindheit in Kroatien. Was damals noch ein … Auf der Suche nach dem eigenen Ich? weiterlesen

Auf zu den Sternen

Von Ronja Storck Nicht nur Menschen wollen zu den Sternen hinauf, auch Schweine. Zumindest eines. „Mathilda will zu den Sternen“ ist ein Bilderbuch über ein kleines Schweinchen, das einen großen Traum hat und alles dafür tun würde. Das kleine Schweinchen Mathilda wünscht sich nichts sehnlicher, als einmal an einem Stern zu knabbern. Die anderen Tiere auf dem Bauernhof wundern sich sehr, über die immer eigenartigeren und gefährlicheren Versuche Mathildas, an den Himmel heranzukommen. Doch Mathilda lässt sich weder von ihnen noch von den vielen Fehlschlägen entmutigen. Michael Stavarič erzählt mit „Mathilda will zu den Sternen“ eine Geschichte darüber, wie wichtig … Auf zu den Sternen weiterlesen

Der Ball ist rund und das Spiel dauert ein Leben lang

Rezension von Sarah Stoffels Fußball ist unser Leben! So skandieren es die meisten Figuren in Imran Ayatas Roman. Allen voran der junge Fußballer Arda, dessen ganzes Leben sich um den Ball dreht. Imran Ayata erzählt in seinem Roman Ruhm und Ruin die Geschichte eines Fußballklubs in einem Migranten- und ehemaligen Arbeiterviertel. Sein Roman basiert auf dem Theaterstück Liga der Verdammten, das 2013 in Berlin seine Premiere feierte. In einer zwanglosen Jugendsprache erzählt Arda der Sohn ehemaliger, türkischer Gastarbeiter von seinen Erfahrungen auf und neben dem Fußballplatz. Neben ihm treten noch weitere zehn Personen auf, die jeweils in einem kurzen Kapitel … Der Ball ist rund und das Spiel dauert ein Leben lang weiterlesen

Nedim Gürsel – 50 Jahre Schreiben

Von Elisabeth Arend Unter dem Titel „50 ans d’écriture“ – „50 Jahre Schreiben“ hat das Institut francais Istanbul Anfang Oktober Nedim Gürsel geehrt, einen der wichtigsten türkischen Autoren weltliterarischen Zuschnitts, der seit dem Militärputsch 1980 im Pariser Exil lebt. Angesichts der jüngsten Maßnahmen der türkischen Regierung gegen Presse, Intellektuelle und politische Gegner der Nomenklatura ist diese Veranstaltung bemerkenswert. Erst recht gilt dies für die Ehrung eines Autors, der in Europa zahlreiche Preise für sein Werk erhalten hat, ebenso wie in der Türkei, wo er aber auch der Verunglimpfung von Militär, Staat und Religion beschuldigt worden ist. Noch als Schüler hat … Nedim Gürsel – 50 Jahre Schreiben weiterlesen

Jeder Mensch hat das Recht anonym zu sein.

Rezension zu Aris Fioretos Roman „Mary“ Von Stefanie Jahn Was wäre, wenn Sie bei einer Studentenrevolte gegen die herrschende Militärdiktatur dabei wären, die Situation eskaliert und Sie von dort fliehen müssen? Was wäre, wenn Sie in ein Taxi steigen, was gar kein Taxi ist, sondern ein als Taxi getarntes Fahrzeug der Geheimpolizei, welches Sie beim Gefängnis abliefert, weil Sie verdächtigt werden, die Köpfe der Studentenrevolte zu kennen und dies der Grund ist, warum Sie nicht nach Hause, sondern ins Gefängnis gebracht werden? Was wäre, wenn dies am Tag passiert, an dem Sie erfahren, dass Sie schwanger sind? Und was wäre, … Jeder Mensch hat das Recht anonym zu sein. weiterlesen

Doan Bui: Le silence de mon père

Eine Rezension von Elsiabeth Arend Was wissen wir über unsere Eltern? Viele Menschen stellen sich irgendwann diese Frage, meist erst spät und oft zu spät. In Doan Buis Romanerstling geht es genau darum. Der Vater der Ich-Erzählerin erleidet einen Schlaganfall; Sprach- und Bewegungszentrum sind betroffen – an den Rollstuhl gefesselt bleibt er für den Rest seines Lebens sprachlos. Diese Sprachlosigkeit treibt die Erzählerin um, sie verdeutlicht ihr, dass der Vater auch in den Zeiten, in denen er noch über seine Sprache verfügte, für sie ein Unbekannter geblieben ist. Da sie von ihm keine Antwort auf ihre Fragen mehr erhalten kann, … Doan Bui: Le silence de mon père weiterlesen

Der Elefant im Raum ist eine Pyramide im Garten

Rezension zu Rasha Khayats Roman „Weil wir längst woanders sind“ Von Lea Sophie Birke In der englischen Sprache gibt es diese schöne Redewendung des „elephant in the room“ – des Elefanten im Raum. Dieser Elefant steht für unübersehbare Dinge, die jedoch niemand sehen will. Wie oft weigern wir uns, Dinge zu sehen, die sich uns beinahe penetrant aufzwingen, gehen von unser eigenen Ansicht als Universalmeinung aus und erwarten von unseren Mitmenschen, genauso zu denken wie wir. Wir haben gewisse Schemen so verinnerlicht, dass sie zur Selbstverständlichkeit werden, zur pauschalen Norm, zum Reglement. So wie die Sache mit Saudi-Arabien. Aus Saudi-Arabien … Der Elefant im Raum ist eine Pyramide im Garten weiterlesen

Roland Brival: Nègre de personne

Eine Rezension von Elisabeth Arend Wer kennt hierzulande Léon-Gontran Damas ? Wohl kaum jemand. Schon eher seine Weggefährten, die Dichter-Politiker Aimé Césaire und Léopold Sédar Senghor. Warum also macht der auf Martinique geborene und in Paris lebende französische Autor Roland Brival ausgerechnet diesen Damas zur Hauptfigur seines neuesten Romans und wer ist Damas?  Der aus Französisch-Guyana stammende Damas (1912-1978) studierte in den 1930er Jahren in Paris und hatte zu dem Zeitpunkt, wo die Romanhandlung einsetzt, gerade seinen ersten Gedichtband unter dem programmatischen Titel „Pigments“ (1937) veröffentlicht. Nächtelang diskutierte er mit seinen berühmten Freunden, die wie er aus französischen Kolonialgebieten stammten, … Roland Brival: Nègre de personne weiterlesen

Über kaputte Nächte in Berlin, Alter!

Kat Kaufmanns Debüt „Superposition“ lässt hippe Bohème-Existenzen zu Wort kommen, die nichts Neues sagen Von Wenke Bruchmüller Wodka, saure Gurken, Pelmeni – Izy Lewin, die 26-jährige Protagonistin von Kat Kaufmanns Debütroman, ist Kontingentflüchtling russisch-jüdischer Abstammung, Wahlberlinern, Komponistin aus Leidenschaft und Jazzpianistin aus Geldnot. Sie ist abgebrüht, schlank, hübsch und das sogar in Jogginghosen; eine archetypische Powerfrau, doch manchmal geht die Power etwas mit ihr durch. Auf einer illustren russischen Geburtstagsparty, soll „jede einzelne Synapse Izys besoffen in der Ecke liegen“, was ihr dann auch glatt gelingt. Izy mischt nicht gerne Gebranntes mit Gegorenem, isst nichts, streut hier und da gern … Über kaputte Nächte in Berlin, Alter! weiterlesen

Karnevalsstriptease der anderen Art

Rezension zu Ales Štegers Roman Archiv der toten Seelen Von Laura Volk Na zdrávje und Helau heißt es in Ales Štegers Roman Archiv der toten Seelen, dessen Handlung im Rahmen des Programms zur Kulturhauptstadt 2012 in der slowenischen Stadt Maribor angesiedelt ist. Die beiden Protagonisten der Erzählung, der asketische Ex-Scientologe Adam Bely und die cyborgartige Rosa Portero, halten sich zur Karnevalswoche in diesem verkleideten kulturellen Zentrum auf. Hier wollen sie, wie sie angeben, Interviews für eine ORF-Reportage über die Kulturhauptstadt 2012 mit Verantwortlichen führen. Bei den journalistischen Absichten handelt es sich selbstverständlich nur um Maskerade. Tatsächlich haben sich die Protagonisten dem … Karnevalsstriptease der anderen Art weiterlesen

„Wie billige Produkte aus dem Ausland, die man bei Aldi und Lidl kaufen kann“

Rezension zu Abbas Khiders Roman „Ohrfeige“ Von Wenke Bruchmüller Und „Hast du dir eine Geschichte einfallen lassen?“ – Diese Frage beschäftigt Karim Mensy, Protagonist von Abbas Khiders viertem Roman, neben dem Durchlaufen von Asylbewerberheimen und den Mühlen deutscher bürokratischer Apparate. Aus dem Irak flieht Karim nach Mitteleuropa und landet in der bayrischen Provinz, obwohl sein eigentliches Ziel Paris ist. Dieses resignierende ‚eigentlich’ beschreibt Karims Ringen mit der Welt im weiteren Verlauf sehr treffend. Wunsch und Realität driften immer mehr auseinander, wenn sich Karim im tiefsten Winter nach Normalität sehnt und anstatt im Café zu sitzen, sich mit seinen Zimmergenossen im … „Wie billige Produkte aus dem Ausland, die man bei Aldi und Lidl kaufen kann“ weiterlesen

Ein Bild der Flucht und ihrer Folgen, gezeichnet mit den Farben der Sprache

Rezension zu Senthuran Varatharajahs Roman „Vor der Zunahme der Zeichen“ Von Lea Sophie Birke  Am Anfang war der Zufall. Ein Zeichen zwischen Tausenden, die Anzeige „Personen, die du vielleicht kennst“ bei Facebook. So lernen sie sich kennen, Valmira, Studentin in Marburg, und Senthil, Doktorand in Berlin, die erkennen, wie sehr ihre Schicksale einander ähneln. Vor der Zunahme der Zeichen ist der Debütroman des Autors Senthuran Varatharajah, dessen Familie in den achtziger Jahren vor dem Völkermord an den Tamilen aus Sri Lanka nach Deutschland floh. Der Roman spiegelt die Brüche in den Biografien der Protagonisten wieder und markiert den Einfluss des … Ein Bild der Flucht und ihrer Folgen, gezeichnet mit den Farben der Sprache weiterlesen

Poesie des Eises, Poesie des Lebens

Rezension zu Ernest van der Kwasts Roman „Die Eismacher“ Von Natalya Polyakova Haben Sie schon Kaffee-Kardamon-Eis gegessen? Eis aus Quark mit Pflaume oder vielleicht Eis aus Fenchel mit Birne und Basilikum? Wenn diese verwunderlichen Mischungen Sie den Kopf schütteln lassen, dann ist dieses Buch für Sie. Der niederländische Autor Ernest van der Kwast erzählt in seinem Roman Die Eismacher die Geschichte einer italienischen Eismacherfamilie aus einem idyllischen Tal in den Dolomiten. So wie die Zugvögel ihr Land verlassen und nach einiger Zeit zurückkehren, wandert die ganze Familie Talamini jeden Frühling nach Rotterdam, um dort eine Eisdiele zu betreiben. In der … Poesie des Eises, Poesie des Lebens weiterlesen

Ein Schrei nach Revolution und sein Nachhall

Rezension zu Shida Bazyars Roman „Nachts ist es leise in Teheran“ Von Stefanie Jahn Eine Geschichte, die fünffach wiederhallt. Behsad, Nahid, Laleh, Morad und Tara – die Familienmitglieder erinnern sich an die Revolution im Iran oder leben diese nach der Migration nach Deutschland weiter, immer in der Hoffnung auf ein positives Ende – eine sehr gelungene Erzählung, die von Aufbruch und Zurücklassen, von Hoffnung, Warten und Zusammenhalt berichtet. Heutzutage klappen wir den Laptop auf oder schalten das Tablet an und befinden uns mitten im Weltgeschehen wieder. Doch die aktive Beteiligung bleibt aus, da wir zu passiven Konsumenten geworden sind. Beim … Ein Schrei nach Revolution und sein Nachhall weiterlesen

Das emotionale Erdbeben

Kettly Mars erzählt in „Ich bin am Leben“ von den indirekten Konsequenzen des großen Erdbebens für eine haitianische Familie und zeichnet ein feines Bild der emotionalen Verfasstheit der einzelnen Familienmitglieder. Von Sina Peters Nach dem schrecklichen Erdbeben von 2010 muss der an Schizophrenie und Autismus erkrankte Alexandre die Psychiatrie nach über 40 Jahren Internierung verlassen, weil dort die Cholera ausbricht. Innerhalb von 48 Stunden muss seine Familie ihn wieder zuhause unterbringen. Diese Situation stellt die einzelnen Mitglieder – seine zwei Schwestern Maylène und Gabrièle, ihren Ehemann Jules, seinen Bruder Grégoire und nicht zuletzt seine Mutter Éliane – vor große Herausforderungen. … Das emotionale Erdbeben weiterlesen

Von Liebe, Schmerz und Disziplin

Olga Grjasnowa: „Die juristische Unschärfe einer Ehe“ Wieviel Angepasstheit steckt in einer Ehe, wieviel Wahrheit in einer Beziehung? In ihrem aktuellen Roman „Die juristische Unschärfe einer Ehe“ stellt Olga Grjasnowa provokante Fragen über die Liebe und überrascht mit unromantischen Antworten über den gesellschaftlichen Druck von außen, Egoismus und die Angst vor dem Alleinsein. Von Franziska Rentzsch Der Roman beginnt bei Kapitel 0. Die Hauptprotagonistin Leyla ist nach illegalen Autorennen in Baku festgenommen worden und wird nun im Gefängnis verhört und misshandelt. Es folgt der erste Teil der Erzählung mit den Kapiteln -29 bis -1, der Leylas Weg von Moskau und … Von Liebe, Schmerz und Disziplin weiterlesen

Lemberg liegt am Meer

Andrej Kurkow erzählt in seinem Roman „Jimi Hendrix live in Lemberg“ von ungewöhnlichen Freundschaften und noch ungewöhnlicheren Ereignissen. Von Gianna Lange Zu Beginn des Romans bedauert Taras, der nachts zahlende Kunden in seinem Opel über Kopfsteinpflaster fährt, um sie von Nierensteinen zu erlösen, dass Lemberg nicht am Meer liegt. Weder er noch der Leser ahnen hier wohl, was bald geschehen wird. Das Meer findet einen Weg nach Lemberg. Das entgeht auch keiner der ungleichen Figuren Kurkows. Schnell wird jedoch klar, dass es nicht hierher gehört. Die salzige, kalte Luft bereitet den Menschen Angst und Schwindel und die zunehmend aggressiven Möwen … Lemberg liegt am Meer weiterlesen