Die Kraft der Sprache nutzen

Im Kultursaal der Arbeitnehmerkammer haben sich an diesem Abend alle nur seinetwegen versammelt: Tomer Gardi. Der israelische Autor ist nach Bremen gekommen, um sein neues Buch Sonst kriegen Sie Ihr Geld zurück vorzustellen. Der Schriftsteller scheint sich auf der gemütlich eingerichteten Bühne in Wohnzimmer-Optik sichtlich wohl zu fühlen. Die bequemen Sessel und die Stehlampen, welche gedimmtes Licht auf ihn und die Moderatorin werfen, erzeugen eine entspannte und lockere Atmosphäre.

von Ramona Wendt

Locker und entspannt – besser könnte man Tomer Gardi kaum beschreiben. Er trägt die Haare lässig zu einem Zopf gebunden, das gemusterte bunte Hemd ist aufgeknöpft, er sitzt bequem zurückgelehnt und begrüßt die Literaturinteressierten. Man kann ihm ansehen, dass er sich sichtlich wohl fühlt, in dieser gemütlichen, fast schon familiären Umgebung. Nach ein paar kurzen einleitenden Worten der Moderatorin erhebt sich Tomer Gardi, um den Gästen ein Stück aus seinem neuesten Roman vorzulesen. Im Stehen lese es sich viel besser, weil er dann freie Hand habe, sagt er. Damit man einen Eindruck von seiner Muttersprache bekommen kann, liest er den ersten Absatz auf Hebräisch. Diese, für die meisten mitteleuropäischen Ohren, so fremde Sprache erinnert aus Tomer Gardis Mund eher an einen Gesang, die Gestik an einen Tanz. Das Publikum hat den Inhalt dieses ersten Absatzes nicht verstanden und dennoch hat Tomer Gardi den ganzen Raum in seinen Bann gezogen. Auch als der Autor ins Deutsche wechselt, nimmt er die Bühne weiterhin vor allem mit seinen Worten, aber auch mit seinen Bewegungen komplett ein. Er nimmt die Zuhörer*innen mit in eine andere Welt, in die Welt seiner Geschichte, die einer modernen Scheherazade-Erzählung ähnelt. Der Protagonist beziehungsweise die Protagonistin, das Geschlecht wechselt während der Geschichte mehrmals hin und her, meldet sich beim Arbeitsamt, um finanzielle Unterstützung zu bekommen. Der Beamte sieht den Beruf des Schriftstellers, den die Person angibt, nicht als vollwertigen Beruf an und so beginnt ein langes Gespräch, in dem die Person ihre eigene spannende Lebensgeschichte erzählt, um den Beamten doch noch umzustimmen.

Im darauffolgenden Gespräch mit der Moderatorin bekommt man einen noch genaueren Eindruck davon, wer Tomer Gardi eigentlich ist. Auf die Frage hin, ob Arbeit in seinem Leben einen hohen Stellenwert einnehme, antwortet er nach einer langen Pause kurz und knapp: „Nein“, sagt er, und lacht. Er erzählt, dass er, genau wie die Person in seinem Buch, das Gefühl kennt, arbeitslos zu sein. Und auch das Gespräch mit dem Beamten habe wirklich stattgefunden, der Rest der Geschichte ist aber mit viel Fantasie und im märchenhaften Stil weitergeschrieben worden. Dass der Roman an eine Geschichte aus 1001 Nacht erinnert, ist kaum zu überlesen, da allein schon die Abhängigkeit, in der sich die Person der Geschichte zum Beamten befindet an das Verhältnis von Scheherazade zum König erinnert. Tomer Gardi selbst ist froh, Schriftsteller zu sein, weil er sich so kreativ ausleben und seine Zeit frei einteilen kann. Deswegen sieht er das Schreiben auch weniger als Beruf, sondern viel mehr als Berufung an.

Im weiteren Verlauf der Unterhaltung geht es auch um das Leben als Schriftsteller in Israel und Deutschland. Hier geht Tomer Gardi darauf ein, dass Künstler in Deutschland viel mehr Unterstützung bekommen als in Israel, auch in finanzieller Hinsicht. „Das Geld in Israel geht alles in den Krieg“, sagt er und wird dabei ganz ernst. Aufgrund des kleinen Sprachraums gäbe es eher wenige Leser. Des Weiteren bekommen alle Nationen üblicherweise Unterstützung von ihren Nachbarländern, wenn es um Literatur und das Übersetzen dieser geht. Da Israel arabische Nachbarn hat, funktioniere die Zusammenarbeit nicht so, wie sich das viele Leute wünschen würden, die in Israel mit Literatur zu tun haben. Umso mehr ist Tomer Gardi stolz auf die hebräische Sprache, weil es eine so besondere und vor allem lebendige Sprache ist, in der er sich sehr gern ausdrückt, ob nun in Wort oder Schrift.

Eine bewegte Lebensgeschichte führte den gebürtigen Israeli bereits Mitte der Zweitausender nach Berlin, wo er in einem multikulturellen Viertel lebte. Das gebrochene Deutsch war die Sprache, die ihn begleitete und gleichzeitig die Inspiration für sein Erstlingswerk wurde: Broken German. Ein Roman, geschrieben in eben jener gebrochenen Sprache, die so viele Leute in seinem Viertel zusammenbrachte.
Tomer Gardi erzählt, dass viele Menschen wohl behaupten, dass die Muttersprache die Seele der jeweiligen Schriftsteller*innen sei. Mit dieser Aussage kann sich der Autor überhaupt nicht identifizieren, weil man sich auf so vielen verschiedenen Sprachen ausdrücken könne. Man sollte die Sprache und die Worte in den verschiedenen Sprachen für viel mehr positive Dinge nutzen und nicht für Demütigung und Schlechtes. Worte sind nichts, was man nach innen richten sollte, sondern sie sind dafür da, sie nach außen hin wiederzugeben und sie mit vielen Menschen auf unterschiedlichen Sprachen zu teilen. Die Zuhörer*innen hängen immer noch an Tomer Gardis Lippen und lauschen aufmerksam seinen Ausführungen über die Kraft der Sprache. Zu schnell ist der gemütliche Wohnzimmerabend verflogen, an dem sowohl unterhaltsame Gespräche als auch ernsthafte Dialoge geführt worden sind. Nicht wenige werden sich wohl im Anschluss Tomer Gardis Bücher gekauft haben, um noch mehr Parallelen zwischen dem märchenhaft Geschriebenen und dem charismatischen Schriftsteller zu entdecken.

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