Zwischen Stabilität und Bewegung: Tomer Gardi im Gespräch

Tomer Gardi wurde 1974 im Kibbuz Dan in Israel geboren. Seitdem lebte er unter anderem in Wien, Tel Aviv und inzwischen in Berlin. Seinen 2016 im Droschl-Verlag erschienenen Roman Broken German schrieb er – wie schon der Titel verrät – in „gebrochenem Deutsch“. Seinen neuesten Roman Sonst kriegen Sie ihr Geld zurück schrieb er auf Hebräisch. Dieses Jahr ist der Roman auf Deutsch erschienen, übersetzt von Anne Birkenhauer. Für Gardi war die diesjährige globale° schon die zweite Teilnahme an dem Festival. Am Freitag nahm er sich vor seiner zweiten Lesung Zeit für ein Interview mit uns.

Das Interview führte Lotta Duden.

Tomer, gestern hattest du deine erste Lesung im Rahmen der globale° und zwar in einer Schule. Wie war’s?
Na ja, aufgeregt bin ich jedes Mal. Aber diesmal war ich auch etwas unsicher. Bei einer Lesung liest man ja normalerweise vor Menschen, die sich für Literatur interessieren. Die Schüler und Schülerinnen gestern waren gezwungen, da zu sitzen und mich anzuhören – das ist anders. Eine komische Situation. Ich musste lange nachdenken, wie ich damit umgehen soll.

Und war es dann tatsächlich so anders?
Ja – weil ich das angesprochen habe. Ich habe ein Gedicht von Brecht vorgelesen, in dem es um das Wissen in der Schule geht: Alljährlich im September. Dann haben wir darüber gesprochen und ich habe aus meinem Buch vorgelesen. Und das war gut, denn diese ganze komische Situation war ausgesprochen. 

Hatten denn alle dein Buch gelesen?
Nee, nee. Ich glaube, die haben sich gedacht: Okay, wieso kommt dieser Mensch? Er ist Schriftsteller und ich muss hier sitzen. Das war aber nur der erste Block. Und nach dieser Lesung habe ich mit einer Klasse – vielleicht so 20 Schülerinnen und Schüler – zusammen gesessen. Da habe ich einen Lügen-Workshop gemacht – das macht irrsinnig Spaß!

Ein Lügen-Workshop – was ist denn das?
(lacht) Es ist toll! Ich liebe es. Ich sage den Teilnehmerinnen und Teilnehmern: Okay, nehmt euch fünfzehn Minuten und denkt euch eine neue Persönlichkeit aus: eine andere Muttersprache, anderes Herkunftsland, anderes Geschlecht, was auch immer. Hinterher lernen wir unsere Figuren im Gespräch miteinander kennen. Es macht großen Spaß, weil da sehr schöne Geschichten rauskommen und man dadurch auch sehr viel über sich erzählt: In den Unwahrheiten liegen viele Wahrheiten, die sie einander sonst wahrscheinlich nie erzählen würden. 

Glaubst du, dass das auch fürs Schreiben gilt? Dass man durch fiktionales Schreiben sagen kann, was man sonst vielleicht eher verschweigt?
Ich glaube schon. Aber im literarischen Schreiben ist es etwas anders, glaub ich. Das Publikum interessiert sich ja prinzipiell erstmal nicht dafür: wer in der Tat ist Tomer Gardi. Ich bin nicht so wichtig. Durch die Zeilen zu entziffern, wer die Person ist – das kann man machen, aber das ist nicht so interessant. Klar, da steckt ziemlich viel biografische Wahrheit über mich in den Büchern. Aber das ist nicht so wichtig, denke ich. Zu dieser Idee mit den Workshops kam ich, weil ich gemerkt habe, wie viele Menschen denken, dass das Schreiben ein Weg ist, sein inneres Selbst zu finden. Und darum geht es dann auch in vielen Schreibwerkstätten. Und mich langweilt das. Weil ich denke, Fiktion ist über Fiktion. Und ich liebe das Erfinden!

Die globale° bezeichnet sich ja als ein “Festival für grenzüberschreitende Literatur”. Inwiefern, glaubst du, spielt das Thema der Grenzüberschreitung auch eine Rolle für dein Erfinden, dein Schreiben? 
Ich versuche auf jeden Fall, Literatur zu schreiben und auch über Literatur nachzudenken in Konzepten, die außerhalb der nationalen Sicht auf Literatur liegen. (denkt nach) Ist das, was ich schreibe, sind meine deutschen Bücher deutsche Literatur? – Schwer zu sagen. Einerseits ja, das ist auf Deutsch. Andererseits ist das ein Deutsch von jemandem, der sich bewegt und diese Bewegung ist inskribiert in die Sprache. Wenn ich diese Sprache also aussuche, dann müssen auch die Themen etwas mit dieser Welt zu tun haben. In dieser Sprache zu schreiben über einen Typen, der in Oldenburg geboren ist und jetzt ist er 80 und schreibt seine Autobiografie – das würde nicht funktionieren. (lacht) Obwohl, lustiger Gedanke. Vielleicht schon.

Dein geschriebenes Deutsch in Broken German hat einen ganz stark mündlichen Rhythmus. Ist nicht auch das eine Grenz-Unterwanderung zwischen dem, was als mündlich und dem, was als schriftlich empfunden wird? 
Ich weiß nicht, ob es stimmt, aber mein Eindruck ist, dass der Unterschied zwischen Mündlichem und Schriftlichem im Deutschen sehr groß ist. Ich glaube, im modernen Hebräisch sind diese Unterschiede nicht ganz so stark. Aber ja, es stimmt, was du sagst. Andererseits: Etwas zu verschriftlichen bedeutet auch etwas zu stabilisieren, da ist ein Wille nach Stabilität.

Stabilität und Bewegung sind auch in deinem neuen Buch Sonst kriegen sie ihr Geld zurück präsent. Auch da brichst du mit einigen Konventionen; zum Beispiel, wenn du die Fäden der einzelnen Geschichten nicht immer zu Ende verfolgst. Manchmal weiß man als Leserin nicht, wann hat diese Geschichte in der Geschichte in der Geschichte jetzt eigentlich angefangen und wo hört sie auf. Willst du, dass deine Leser*innen zweifeln? Oder zweifelst du selbst beim Schreiben?
(lacht, denkt nach) Dieses Buch ist bestimmt mit viel Zweifel geschrieben. Aber es war nicht das Schreiben, was mich verzweifelt hat. Sondern das Leben hat mich verzweifelt. Und dann habe ich eben über diese Ausweglosigkeit geschrieben. (denkt nach) Es ist aber auch seltsam, weil ich mit diesem Buch begonnen habe, bevor ich überhaupt mit Broken German durch war. Und nachdem ich Broken German veröffentlicht hatte, hat sich natürlich auch meine Lebensqualität verändert. Das ist komisch. Man schreibt ein Buch manchmal vier bis fünf Jahre und in einem Leben kann in dieser Zeit so viel passieren. Wie soll es dann überhaupt stabil bleiben? So viele Launen, so viele Änderungen, so viele Bewegungen?

Dieses Spiel mit der Verwirrung war also nicht intendiert? 
Die formalen Fragen, die Verwirrung und so – das passiert einfach, das ist ungewollt. Aber was auf jeden Fall gewollt war, war diese Stimmung, diese Dringlichkeit und auch die Gewalt. Die Erzählerin sitzt dem Beamten gegenüber, ihrem einzigen Leser. Sie erfährt einen krassen Alltag in ihrem Leben, aber sie weiß, dass er diese Realitäten in ihrer Brutalität nicht hören will. Also verkleidet sie diesen Alltag in märchenhaften Schmuck, zuckert ihn. Damit er es leichter runterschlucken kann. Damit er das Buch nicht schließt und sie aus dem Amt schmeißt. Und dann gibt es noch den anderen Teil im Buch – mit Stierkämpfen und so weiter. Dieser Teil ist in seiner ganzen Brutalität erzählt. So hast du das Unreale im realistischen Stil und das Reale im Märchenstil.

Das hat natürlich eine politische Komponente. Gerade weil die Figuren, über die du sprichst, proletarisch sind oder zumindest in einer proletarischen Welt leben: Arbeitslosigkeit, Flaschensammler, die Nadeln auf den Straßen. Siehst du in Büchern ein in weitester Form aktivistisches Potential oder passiert auch das von allein, einfach, weil du politisch denkst?
Also ich glaube, dass ich ein politischer Mensch bin. Ich habe früher auch mal Aktivismus gemacht. Das mache ich jetzt nicht mehr. Ich schreibe Bücher und vielleicht ist das eine Art, Aktivist zu sein. Kann sein, weiß nicht. Wie ich das betrachte und begreife, ist auf jeden Fall im politischen, im gesellschaftlichen Sinne. Was ich schreibe, hat aber auch damit zu tun, wo ich lebe oder damit, wo ich gelebt habe, als ich dieses Buch geschrieben habe. Das war in einem Armutsviertel in Tel Aviv und dann ist da eben die Flaschensammlerin und der illegale Arbeiter und Menschen, Spritzen sind auf der Straße; das ist Alltag, wenn man aus der Haustür rausgeht. Also habe ich darüber geschrieben. 

Und die Verzweiflung, die – wie du vorhin sagtest – das Schreiben dieses Buches begleitet hat, war das dann auch eine politische Verzweiflung?
Ja, auf jeden Fall. Aber es war auch eine persönliche Verzweiflung. Ich bin wirklich zum Arbeitslosenamt gegangen – ich war da, ich sah diese Menschen – in diesem engen Raum, deine Freiheit zu finden oder die Bedingungen dieser zu verhandeln, mit Kräften, die viel mächtiger sind als du… (denkt nach) Das war auch ein Teil des Gesprächs mit den Schülern gestern. Die Schule, praktisch ein Knast: Du musst da sitzen und tun, was man dir sagt. Was kann ich aus diesem engen Raum machen, wie kann ich trotzdem frei sein, in diesen Bedingungen, die ich mir nicht ausgesucht habe und in denen ich mich trotzdem befinde.

Hilft das Schreiben, vielleicht gerade das Erfinden, beim Ausloten genau solcher Situationen? 
Das Schreiben hat ja auch ein eskapistisches Potential. Irgendwie sitze ich hier und mir geht’s schlecht, also fantasiere ich, dass ich was-weiß-ich-wo bin. Andererseits ist eines der ersten Dinge, um die Häftlinge bitten, Papier und Kugelschreiber. Irgendwie hat es beides in sich. Und dann gibt es noch eine politische Macht der Fantasie. Wenn unsere Fantasie tot ist, können wir uns die Welt außerhalb von dem, was wir sehen, gar nicht vorstellen. Um andere Zustände zu erreichen, brauchen wir Fantasie. Sie hat also ein starkes politisches Potential, wenn sie denn in der Öffentlichkeit steht.

Hast du also schon eine Vision, wie das Buch ausgeht, während du schreibst?
In diesem Buch nicht. Ich habe aber neulich etwas Neues geschrieben. Das war das erste Mal, dass ich versucht habe zu wissen, wie es ausgeht. Stein, Papier und Broken German und auch Sonst kriegen Sie ihr Geld zurück sind sich in ihrer gebrochenen Form ähnlich. Ich hatte den Willen, einen Text zu schreiben, der zumindest formal rund ist.

Das heißt, die Leser*innen können sich bald auf was Neues freuen?
Ja. Es wird aber noch ein bisschen dauern. Nachdem Sonst kriegen sie ihr Geld zurück erschienen war, wollte ich weiter schreiben. Aber ich habe nicht gewusst, auf welcher Sprache. Ich dachte, okay, wenn du nicht wählen kannst, dann mach’s parallel. Ich hatte den Gedanken, eine grundsätzliche Stimmung zu nehmen und sie einmal auf Deutsch und einmal auf Hebräisch zu entwickeln – um zu sehen, wie die Sprache, die ich aussuche, die Erzählungen bestimmt, wie sie sich entfalten. Der deutsche Text ist fertig. Also werde ich nun versuchen, den hebräischen Teil zu schreiben und sehen, ob es funktioniert oder nicht. Wenn es funktioniert, wird also auch dieses Buch eine Grenze überschreiten. Dann werden der Teil auf Deutsch und der Teil auf Hebräisch in deutscher Übersetzung nebeneinander stehen. Zwei Teile, die einander schildern und eine Art Klangraum zwischen sich schaffen, zwischen Übersetzung und Original, zwischen Standardsprache und krummer Sprache.

Würde die Übersetzerin oder der Übersetzer denn deinen auf Deutsch geschriebenen Text vorher bekommen?
Ich habe keinen Grund, ihr den vorzuenthalten. Wenn es passiert, wird es dieselbe Übersetzerin sein, die Sonst kriegen sie ihr Geld zurück übersetzt hat, die liebe Anne Birkenhauer. Die ist eine tolle Frau! Eine Künstlerin in ihrer Kunst. Als sie die Übersetzung gemacht hat, habe ich noch in Israel gelebt und wir haben uns alle zwei, drei Wochen auf ihrem Balkon getroffen.

Das heißt, du warst ganz nah dran am Prozess der Übersetzung.
Ja, das war super. Ich kann Annes Übersetzung von der Sprachfertigkeit her nicht beurteilen, aber ich kann den Rhythmus hören und manche Wörter können dem einen gefallen und dem anderen nicht. Aber wir haben auch viel über den hebräischen Inhalt gesprochen: Was genau hast du hier gemeint? Warum hast du genau das hier gemacht? Also, wenn dieses mehrsprachige Buch entstehen sollte, dann wird Anna den deutschen Teil übersetzen.

Wir sind gespannt. Vielen Dank, Tomer Gardi, für das Gespräch.

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