Eine greifbare Erinnerung

In einer kleinen gemütlichen Buchhandlung spricht man über eine kleine fleißige Großmutter. Zwischen Romanen, Sachbüchern und Reiseführern hat sich eine Schar von Literaturbegeisterten eingefunden. Sie drängen sich zwischen Bücherstapeln und gefüllten Regalen auf den engen Sitzreihen. In der Mitte des Raumes steht ein kleiner Tisch, dahinter sitzen die Autorin und die Moderatorin. Die Veranstaltung beginnt mit einer kurzen Vorstellung der Autorin, die schnell zum Buch herüberleitet. Die Fragen möchte sie gerne mit Passagen aus ihrem Roman beantworten. Die Türglocke läutet – es kommen noch weitere Zuhörer herein.

Von Sarah Stoffels

In Tanja Langers Roman Meine kleine Großmutter und Mr. Thursday oder Die Erfindung der Erinnerung werden die Erinnerungen an die Nachkriegszeit lebendig. Das Buch handelt von Linda, die den Spuren ihrer Großmutter Ida folgt. Diese arbeitete während der britischen Besatzungszeit in einem englischen Kino in Lüneburg. Eine Stadt nur wenige Kilometer entfernt von der sowjetischen Besatzungszone.

Die Autorin beginnt zu lesen. Nicht den Anfang, sondern ein Stück vom Ende. Eine Textstelle aus dem letzten Drittel des Buches. Über die Briten, den Kalten Krieg, den Iran, die Amerikaner und die Russen. Nüchterne Fakten werden erzählt, doch diese sind hoch spannend. Die Zeitgeschichte wird den Anwesenden wieder vor Augen geführt. Die Jahre 1945-1949 werden erweckt. Historische Fakten und doch macht die Autorin deutlich, dass es sich um einen Roman handelt.

Die Türglocke läutet – Kunden kommen in den Laden herein.

Das Gespräch geht weiter, eine andere Textstelle wird gelesen. Diesmal geht es um Idas Begegnung mit Mr. Thursday, dem Direktor des englischen Kinos. Ein Mann steht auf und erzählt von seinen eigenen Erinnerungen. Er selbst habe als Junge die britische Besatzungszeit miterlebt und kenne das englische Kino. Ein Zeitzeuge. Eine andere Lebensgeschichte, ein weiteres Puzzleteil, aus dem die Vergangenheit zusammengesetzt ist.

Das Buch beschreibt ein Stück Geschichte – und doch schwingt immer der Bezug zur Gegenwart mit. Die Deutschen, die damals aus den Ostgebieten geflohen waren, von manchen freundlich aufgenommen, von anderen argwöhnisch betrachtet und geschnitten. Eine Parallele zur gegenwärtigen Aufnahme von Flüchtlingen.

Die britische Eigentümlichkeit, der Glaube an ein Empire, eine Großmacht, die immer kleiner wird. Ein Kommentar zum gegenwärtigen Brexit.

Die bleiernen Wolken des Kalten Krieges, die über Deutschland hängen. Und die ganze Welt in zweigeteilt. Ein Seitenhieb auf die gegenwärtigen Spannungen zwischen den Weltmächten.

Die Erinnerung bewahren. Sich bewusst machen, wie sehr vergangene Ereignisse unser Leben heute bestimmen. Tanja Langer verknüpft verschiedene Handlungsstränge und webt sie in die Zeitgeschichte ein. Der kleine Einblick in den Roman, den die Besucher an diesem Abend bekommen, macht Lust auf mehr.

Die Türglocke läutet, als die Zuhörer langsam aus der Buchhandlung heraustreten.

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