Im Gespräch: Das Trio der Optimistinnen

Im Rahmen des globale°-Festivals trafen sich die Studierenden Maimuna Sallah und Sophie Otto mit der Autorin Carmen-Francesca Banciu, um über ihren neuen Roman Lebt wohl, Ihr Genossen und Geliebten! Tod eines Patrioten zu sprechen. Was zunächst als Interview geplant war, entwickelte sich schnell in ein Gespräch über das Werk hinaus,  betrachtete deutsche und rumänische Historie, sowie die Gegenwart, Realität und Fiktion.
Doch lesen Sie selbst:

Sophie:
Frau Banciu – in der Lesung vorhin erwähnten Sie, dass ein Grund für das Schreiben Ihrer Texte unter Anderem das Finden der Liebe ist. Mit „Lebt wohl, Ihr Genossen und Geliebten“ geht ihre Trilogie der Optimisten zu Ende – wurde die Liebe gefunden?

Frau Banciu:
Ich denke, die Suche nach Liebe ist etwas Endloses, das Finden jedoch nicht. Die Intensität, mit der man liebt, geht immer weiter. Durch die Konstellationen in meiner Trilogie erkennt man, dass die Liebe blockiert war. Weil Pflicht und Verantwortung immer im Vordergrund standen, wusste man nicht, ob man lieben kann und somit war niemals die Rede von Liebe. Auch als Kind hat einem niemand gesagt, dass man geliebt wird; es war ebenso eine Pflicht, wie alles andere – natürlich liebte man seine Kinder, aber nur, weil man es musste. Deswegen hat meine Figur keine Erfahrungen mit Liebe. Sie muss sie suchen und entdeckt sie Stück für Stück. Unter Anderem durch die Liebe zu den eigenen Kindern, durch Trennung von Familienmitgliedern.
In dem zweiten Buch der Trilogie, „Das Lied der traurigen Mutter“, versucht die Figur sich der Mutter über Körperteile zu nähern – Mutters Hände, Mutters Zunge, Mutters Schoß und mit jedem Körperteil ist da ein Versuch der Annäherung, durch den sie einen Moment aus der gemeinsamen Geschichte erfährt. Aber sie kommt nicht nur bis zu einem gewissen Grad in die Tiefe und dieses Gefühl von Liebe empfindet sie noch nicht. Erst nach dem Tod des Vaters entdeckt Maria Maria die Liebe zu der Mutter, aber sie entdeckt auch ihre eigene Liebe zu den Kindern, die immer da war, aber die sie nie so bewusst vernommen hat bis zu diesem Punkt, wo sie sich für die Mutter öffnet.

Maimuna:
Also war das Erleben und Erfahren immer an Bedingungen geknüpft und davon abhängig, ob man sich als Kind ‚richtig‘ verhält?

Frau Banciu:
Ja, aber das Streben nach Liebe wurde darüber hinaus auch als selbstsüchtig erachtet. Denn man war nicht da, um nur geliebt zu werden, sondern um für andere zu dienen.

Sophie:
Also im Sinne eines höheren Zieles?

Frau Banciu:
Genau. Und Maria Maria entdeckt für sich fortwährend die Macht, die Kraft der Liebe und wie wichtig sie ist für ihre weitere Entwicklung. Und wie wichtig es auch ist für die Anderen. Also, wenn man schon Verantwortung trägt und den Anderen verpflichtet ist, dann könnte man sagen, man verpflichte sich auch sie zu lieben, denn nur so kann man ihnen etwas Gutes geben.

Maimuna:
Das klingt nach einem sehr langen Prozess  – wie schafft man es sich aus so einem System herauszulösen und diesen Weg für sich zu gehen, wenn alle um einen herum einem das Gegenteil zu beweisen versuchen?

Frau Banciu:
Maria Maira (und auch ich als Person) versucht schon sehr früh Abstand zu dem System zu bekommen. Im Roman „Vaterflucht“ wird beispielsweise erzählt, wie sie schon mit 16 Jahren eine Akte bei der Securitate bekommt, weil sie der patriotischen Aufgabe, jemanden zu bespitzeln, nicht nachkommt und dies sogar publik macht. Denn damit ist sie jemand, der sich klar in eine Richtung entwickelt, die das System nicht duldet. Dies wiederum führt zu einem Leben in Rumänien, das unter ständiger Beobachtung steht. Das ist sehr schwierig für sie und brandmarkt sie als regelrechten Outsider.

Maimuna:
In Ihrem Leben waren Sie ja auch immer wieder mit der Securitate und den Grenzen, die Ihnen der rumänische Geheimdienst versuchte aufzuerlegen, konfrontiert. Nach der Wende zogen Sie nach Berlin. Wie sehen Sie dies denn aus heutiger Sicht? Fahren Sie noch regelmäßig nach Rumänien?

Frau Banciu:
Nachdem ich sieben Jahre gar nicht hingefahren bin, fahre ich jetzt ungefähr einmal im Jahr um meine Freunde zu sehen, aber auch einfach um den Kontakt nicht abbrechen zu lassen. Ich fahre nicht aus Sehnsucht, sondern aus Neugier. Zu sehen, was passiert, wie sich die Dinge dort entwickeln und manchmal auch Wut darüber empfinden, wie sie sich entwickeln. Und wie gesagt, ich habe keine Sehnsucht, also keinen Schmerz, wenn ich dahin gehe. Es ist und bleibt eben ein Teil von mir.

Sophie:
Nach Rumänien zurück zu kehren wäre für Sie aber keine Option?

Frau Banciu:
Nein, überhaupt nicht. Also ich kann es mir nicht vorstellen, dass sich das irgendwie ändern könnte, aber es hat auch nichts direkt mit Rumänien zu tun. Ich bin von dort weggegangen und ich würde, sollte ich Berlin noch einmal verlassen, lieber irgendwo neu anfangen. Nach vorne schauen.

Maimuna:
Das Thema der diesjährigen globale° ist ja ,,Krieg und Frieden – Gedächtnis Europa“. Sie haben vorhin in Ihrer Lesung erwähnt, dass der politische Aspekt Ihres vorgestellten Buches nur einen Teil der Handlung darstellt. Wie erklären Sie sich, dass innerhalb Rumäniens immer noch sehr verhalten über Revolutionen und Politik gesprochen wird? Dass nicht nur die ältere, sondern auch die jüngere Generation damit nicht gerne in Berührung kommt und sich davon distanziert?

Frau Banciu:
Dass die ältere Generation sich von der Vergangenheit nicht losreißen kann liegt vor allem daran, dass viele alte Mechanismen und Machtstrukturen noch vorherrschend sind – wenn auch nicht mehr politisch, aber wirtschaftlich und finanziell gesehen. Und Generationen, die den Krieg miterlebt haben und auch die Zeit vor dem Kommunismus, sind vielleicht enttäuscht davon, dass vieles nach der Revolution ‘89 gleichgeblieben ist. Dazu kommt eine Art Gefühl von kollektiver Mitschuld an dem, was unter der kommunistischen Regierung geschah. Viele behaupten immer, sie hätten keine Wahl gehabt und da antworte ich ihnen dann, dass das nicht stimmt. Man hat immer eine Wahl – die Wahl, ins Gefängnis zu gehen, verrückt zu werden, sich umzubringen, auszuwandern. Aber viele Menschen wollen diese Wahl nicht treffen. Es ist nicht ehrenhaft, wenn man die Dinge durchschaut hat und trotzdem mitmachte.

Sophie:
Ohne Menschen, die das System stützten und verteidigten, wären viele Mechanismen des Überwachungsstaates auch nicht möglich gewesen. Die Einschüchterung, vor allem durch die Securitate, hat funktioniert und somit auch das sich Fügen und Beugen innerhalb des Systems.

Frau Banciu:
Ja, und heutzutage wird man nicht mehr durch die Politik gezwungen, sondern durch die ökonomische Macht und auch da machen viele Menschen mit. Weil sie sagen, dass sie ihre Miete bezahlen müssen und ihren Lebensunterhalt, aber das sind auch wieder nur Ausreden. Ich will nicht sagen, dass man sich opfern muss, um Anderen großmaulig die Schuld zuweisen zu können. Aber ich verstehe nicht, wieso Menschen eine Regierung zum Rücktritt zwingen und sich an den Neuwahlen dann nicht mehr beteiligen. Ich kann mich dafür interessieren, habe aber kein Mitgefühl für diese Menschen und die Lage, in der sie sich befinden.

Maimuna:
Das ist sehr verständlich. Das ist eine klassische Haltung im Anarchismus – etwas stürzen zu wollen, aber keinen Alternativvorschlag zu haben…

Frau Banciu:
…, oder nicht konsequent dabei zu bleiben. Und ja, das ist etwas, dass mich traurig macht. Aber andererseits sage ich: ,,Gut!“ Ich habe mich für was anderes entschieden. Jeder organisiert sein Leben, wie er kann. Es ist aber schon fast lächerlich, wenn Leute auf die Straße gehen und Widerstand! Widerstand! fordern, dann aber nicht wählen gehen. Was ist das für ein Widerstand?

Sophie:
Vielleicht reichte die Kraft des Widerstandes ,,nur“ für die Revolution. Und dann hatte man die Wahl, im wahrsten Sinne des Wortes, und nutzte sie nicht für sich. Dafür kann es viele Gründe geben.

Frau Banciu, eine Frage zu Ihrem Publikationsverbot, welches 1985, vier Jahre vor der Revolution gegen Sie, verhangen wurde. Kam das überraschend für Sie?

Frau Banciu:
Naja, ich hatte zwei Preise gewonnen und einer war ein größerer Literaturpreis: Der internationale Kurzgeschichtenpreis von Arnsberg. Das ist jetzt kein weltbewegender Preis, aber für damalige Verhältnisse, und in der Zeit des kalten Krieges, war das eine bedeutsame Auszeichnung und ich hatte die Texte zuvor natürlich nicht der Zensur vorgelegt. Das war es, was man mir vorwerfen konnte und aus diesem Grund bekam ich Publikationsverbot. Es kam also nicht so überraschend – überraschend kam der Preis. Mit dieser Auszeichnung war mir klar, was das für Folgen nach sich ziehen würde. Ich war damals schon freie Autorin, ich war nicht im Schriftstellerverband, weil ich gewisse Bedingungen nicht erfüllte, zum Beispiel Parteimitglied zu sein und eine feste Stelle zu haben. Man mochte die Freischaffenden nicht, weil die immer potentielle Rebellen waren. Und meine Familie und ich hatten uns an die Peripherie der Stadt zurückgezogen und haben dort versucht aus einem kleinen Garten auf eigene Faust zu leben. Publikationsverbot bedeutete also auch, dass ich kein Geld verdienen konnte und durfte; die eigene Existenz war in Gefahr und man wollte damit meine Kapitulation bezwecken. Ich habe nicht kapituliert! Obwohl es immer wieder Versuche gab, uns unterzukriegen, durch Diskreditierungen. Man versuchte mir eine Affäre anzuhängen oder mir den Erhalt von Devisen aus dem Westen zu unterstellen – ich hatte ja den mit 12.000 DM datierten Preis gewonnen.

Es gab viele Versuche. Auch über die Kinder. Drohungen, dass den Kindern was passieren würde. Und ich weiß auch nicht wie lange ich es ausgehalten hätte, denn wenn es um die Kinder ging, war das bei mir das Ende vom Lied.

Sophie:
Wurde das Berufsverbot denn nach der politischen Wende direkt wieder aufgehoben?

Frau Banciu:
Ja, direkt danach. Es wurde aufgehoben und war wie eine Öffnung, so habe ich es empfunden. Dieses fantastische Gefühl, dass die Welt sich auftut und sie dir auch gehören darf. Gerade die letzten Jahre vor der Revolution waren wir immer eingesperrt und unser Bewegungsradius war sehr klein. Wir hatten beispielsweise zuvor jeden Abend ab 23 Uhr die Securitate vor dem Haus mit ihren Walky Talkys, durch die sie dann laut, damit wir sie hörten und Angst bekamen, miteinander sprachen. Sie signalisierten uns damit: wir sind da, wir hören alles, wir wissen alles. Und das war eine nervenaufreibende Zeit. Aber allmählich ging das weg. Es war eine unglaubliche Erleichterung und die haben wir, also diejenigen, die sich nach Freiheit sehnten, dursteten, hungerten – die haben wir dann endlich wahrgenommen. Wir waren glücklich, dass wir diese Zeit einigermaßen gesund überlebt haben. Natürlich nur einigermaßen gesund, weil ich danach mit einem Stipendium nach Deutschland kam und anstatt hier an meinem Projekt zu arbeiten, erstmal krank geworden bin. Ich hatte einen Nervenzusammenbruch durch den plötzlichen Wegfall der Anspannung. Plötzliche Freiheit, in der alles neu war. Ich musste mich wahnsinnig auf die kleinsten Dinge konzentrieren. Aber, das ist nur ein Aspekt von vielen. Ich denke, ich war einfach erschöpft nach all den Jahren, da ich schon mit 16 Jahren eine Akte hatte. Seitdem stand ich unter allgegenwärtiger Beobachtung.

Sophie:
Das klingt nach ähnlich furchtbaren Erfahrungen, die auch viele Menschen in der DDR unter der StaSi erlebten. Genau diese Menschen standen nach der Wende plötzlich vor der Entscheidung: Will ich Einblick in meine Akte? Möchte ich wissen, was über mich gewusst wurde, gesagt wurde? Standen Sie auch vor dieser Entscheidung? Haben Sie zu einem Zeitpunkt in Ihrem Leben einmal in Ihre Akte blicken können oder wollen?

Frau Banciu:
Ich hätte das nach einer Antragsstellung tun können. Als ich 18 Jahre alt war, fingen die Verhöre an. Am Ende jedes Verhörs wurden jedes Mal Teile aus meiner Akte vorgelesen, aus denen ich erfuhr, wer in der Schule beispielsweise Auskunft über mich gegeben hatte. Manches wusste ich also, manches nicht. Also, wozu hätte ich im Nachhinein noch einmal reinschauen sollen? Ich habe meine Bücher geschrieben, um mich davon zu befreien und eine Auseinandersetzung würde dazu führen, wieder das alte Gift einzuatmen. Deshalb glaube ich, dass mir eine Akteneinsicht nichts bringen würde.

Ich glaube, das Einzige, was mich noch einigermaßen erschüttern könnte oder weh tun würde, wäre zu erfahren, dass mein Exmann hätte beteiligt gewesen sein können. Obwohl ich weiß, dass der Mensch alles Mögliche imstande ist zutun, manchmal bewusst und manchmal unbewusst. Und dass man manchmal Dinge tut, aus Schwäche oder Unachtsamkeit, die man später bereut. Ich traue ihm das nicht zu. Andererseits schließe ich es nicht aus. Nicht aus Gemeinheit, sondern weil sein Verhalten oft politisch unreif war. Und dass er in manchen Situationen unbedacht war. Aber, was bringt mir das?

Maimuna:
Im Zweifelsfalle nur Kummer…

Frau Banciu:
… und den möchte ich meinen Kindern ersparen. Sie kennen die Geschichte, sie kennen meine Bedenken, sie kennen alles. Und wenn sie weiterforschen möchten, dann können sie das tun, aber ich möchte das nicht. Ich will etwas anderes. Ich will wieder nach vorne schauen und nicht zurückblicken müssen. Es würde mich ja auch nicht auf irgendeine Weise weiterbringen.
Wie könnte sich mein Leben verbessern, oder was könnte ich für die Welt oder andere Menschen beitragen, wissend, dass sich so ein Verdacht bestätigt. Ich glaube, es würde meine Bücher nicht besser machen, oder mich als Person verbessern. Ich habe Verständnis für den Verrat der Anderen, ich verstehe, dass jeder Mensch eigene Grenzen hat. Aber wie sollte ich darauf reagieren? Sollte ich ihn hassen?

Sophie:
Fühlt es sich für Sie also so an, als würden Sie durch den Einblick in Ihre Akten dem ganzen Überwachungssystem des Staates wieder Macht über das eigene Gefühls- und Innenleben gewähren? Was Sie ja eigentlich über all die Jahre der Überwachung versucht haben zu vermeiden?

Frau Banciu:
Ganz genau! Und ich will niemandem diese Macht geben, mein Leben zu zerstören.

Maimuna:
Sie haben also durch die Literatur Ihren Weg gefunden, sich von diesem System zu emanzipieren und Ihre Vergangenheit zu verarbeiten und gleichzeitig diese auch anderen zugänglich zu machen?

Frau Banciu:
Für mich war immer das Schreiben lebenswichtig! Ich habe schon mit acht angefangen zu schreiben und ich habe zum Glück nie aufgehört! Es war meine Rettung! Ich versuche auch anderen Menschen beizubringen, über die Kunst und über das Schreiben und über Worte, Dinge für sich zu klären, sich selbst Mut zu machen, sich treu zu bleiben, Dinge zu erfinden, Lösungen zu finden und auch sich zu rächen, wenn man möchte. Man kann all seinen Frust loswerden, man hat alle Macht der Welt ohne Konsequenzen tragen zu müssen, was kann man sich noch wünschen?

Maimuna:
Wenn diese Trilogie jetzt für Sie vielleicht abgeschlossen ist, und Sie, wie Sie sagen, ,,nach vorne gucken“, haben Sie vielleicht schon neue Ideen? Haben Sie ein neues Projekt?

Frau Banciu:
Ja, ja. Habe ich. Ich habe mehrere Projekte im Kopf. Zwei ganz besonders, doch ich kann noch nicht einschätzen, welches sich vordrängt. Auch mit diesem Buch, Lebt wohl, ihr Genossen und Geliebten, habe ich 2012 angefangen. Doch ab einem gewissen Punkt kam ich nicht mehr weiter. Ich wusste einfach nicht, wie ich die Begräbnisszene schreiben soll. Es war tatsächlich die letzte Szene, die ich geschrieben habe. Es ist eine so wichtige Szene, aber wie ich sie erzählen soll, damit sie die ganze Skurrilität und die ganze Komplexität in sich trägt, ohne dass sie melodramatisch, selbstsüchtig, oder selbstverherrlichend ist, das wusste ich nicht. So habe ich warten müssen, bis mir diese Szene irgendwie klarer wurde. Und auch da hat sich ein anderes Buch dazwischengedrängt.

Und auch jetzt weiß ich nicht konkret, welches Buch als nächstes folgen wird. Ich arbeite schon seit langen an zwei neuen Romanen, die momentan das Bedürfnis haben, erzählt zu werden. Das eine Buch behandelt das Thema der Versöhnung. Versöhnung ist ein sehr zentrales Thema für mich. Ich weiß, sehe, spüre und habe erfahren, wie mächtig das Gefühl der Versöhnung sein kann. Es ist der Weg zur Liebe. Ich lebe in Deutschland und ich sehe ein Land mit einer so schweren Geschichte. Ich sehe, wie sehr die Menschen unter dieser Geschichte leiden. Und das betrifft auch die jüngere Generation, die nichts mit dem Genozid zu tun hat. Sicher, es ist die Vergangenheit des Landes, aber ist es ihre Vergangenheit? Sie werden immer wieder wegen dieser Vergangenheit angegriffen. Und genau mit diesen Aspekten beschäftige ich mich. Wie geht man mit der Vergangenheit um? Sie darf nicht vergessen werden, aber diese Schuldgefühle dürfen sich auch nicht kultivieren. Die Menschen müssen von dieser Schwere befreit werden, ohne zu vergessen. Die Versöhnung mit sich, seiner Vergangenheit, seinem Land. Aber auch ,,die Anderen“ können nicht auf immer und ewig mit der Schuld spielen! Das kultivierte Schuldgefühl wird viel missbraucht. Und das ist etwas, was der Geschichte die Wichtigkeit nimmt und die Vergangenheit trivialisiert. Und ich glaube dadurch, dass ich nicht aus Deutschland komme, kann ich darüber schreiben. Denn ich habe die gewisse Distanz. Es ist nicht meine Vergangenheit, ich möchte mir nicht die Hände reinwaschen.

Ich habe von Roberto Benigni den Film Das Leben ist schön gesehen. Ich saß im Kino und als der Film zu Ende ging habe ich mir die Leute angeguckt. Sie waren wie erschlagen. Und ich dachte: ,,Oh Gott, ich bin so dankbar, dass das nicht meine Vergangenheit, meine Geschichte ist.“ Wie schwer muss das sein? Diese Schuld oder Last nicht loszuwerden und diese Last tragen zu müssen. Wie kann man mit dieser Schuld leben? Wie kann man sich freuen ohne Schuldgefühle zu haben? Es ist das Recht eines jeden Menschen zu leben, sich zu freuen, sich über jeden Tag zu freuen, dankbar zu sein. Es geht nicht darum, vor dem Elend der Welt die Augen zu schließen, aber es geht darum, sich trotzdem freuen zu dürfen. Niemand darf einem das Recht abstreiten zu leben und das beschäftigt mich sehr. Ich möchte das in meinem Roman erzählen.
Meine zweite Romanidee ist ganz anders, da möchte ich spielen. Also weniger fokalisiert auf ein Thema erzählen. Ich möchte eine Geschichte schreiben, über heute und über vor 100 Jahren. Es geht um eine Figur, die in Berlin lebt, die ihr Leben in die Hand nimmt, sich aus der Opferrolle emanzipiert und beginnt über ihr Leben zu entscheiden, jenseits vom kommunistischen System. Und diese Figur hat in schwierigen Momenten einen Menschen, den sie zu Rate zieht.  Diese Figur ist ihre Großmutter, die im Jahre 1905 nach Wien geht, nachdem ihr Mann sie und ihre drei Kinder verlassen hat. Und diese starke Frau geht nach Wien und beginnt Medizin zu studieren. Sie macht, was sie will. Und diese beiden Geschichten werden miteinander verwoben. Ich muss nur noch schauen, welche Idee sich gegen die andere durchsetzt.

Sophie:
Können Sie sich denn vorstellen, diese neuen Projekte auch in einer Art Prosagedicht zu verfassen, oder haben Sie sich bereits für eine andere Form entschieden?

Frau Banciu:
Das weiß ich noch nicht. Es wird auf jeden Fall wieder eine Art der komprimierten Prosa sein. Ich könnte natürlich auch mal wieder etwas Neues ausprobieren, aber ich werde einfach mal sehen, was passiert. Ich möchte da momentan nichts ausschließen. Ich muss schauen, wie ich den besten Weg finde um auszudrücken, was ich erzählen möchte. Es geht mir um das Erreichen. Und um das Fragen.

Sophie:
Und vielleicht auch darum, im Gespräch zu bleiben? Ich finde, gerade bei Themen wie dem Holocaust und dem kultivierten Schuldkomplex, von welchem wir gerade sprachen, hilft es immens, neue Perspektiven gezeigt zu bekommen. Auch unser Auslandssemester in Rumänien hat mich historisch noch einmal ganz neu kontextualisiert. Gerade weil man sich in Deutschland im schulischen Bereich viel mit der eigenen Schuldfrage und Vergangenheit auseinandersetzt, setzt man sich mit der historischen Vergangenheit anderer Länder oder auch der historischen Komplexität, der Vernetzung von Geschichte auch bezüglich anderer Länder, weit weniger auseinander. Und dadurch beschäftigt man sich auch wenig mit anderen Vergangenheiten, weil man so sehr damit beschäftigt ist, die eigene Vergangenheit aufzuarbeiten.

Maimuna:
Ja, gerade was das Jahr 1989 betrifft! Man lernt sehr viel darüber in der Schule, weil Deutschland sehr von dem Mauerfall geprägt wurde und vielleicht hat man den Namen Nicolae Ceaușescu schon einmal gehört, aber die Verbindung, dass es auch in Rumänien parallel zu Umstürzen kam, das war mir neu.

Frau Baciu:
Ich hoffe, dass meine Bücher ihren Teil dazu beitragen.

Und das werden sie! Frau Banciu, vielen Dank für Ihre Zeit.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s