,,Im Allerfremdesten das Vertraute suchen“ – Irene Dische, gescheiterte Medizinerin und Autorin wider Willen

Schon die Lesung Irene Disches zu Ihrem neuen Werk Schwarz und Weiss zeigt: Diese Frau ist schlagfertig, originell und hat sich den Sarkasmus zu Eigen gemacht! Umso spannender, Sie einmal persönlich erleben zu dürfen. Im Interview stellt Sie sich unseren neugierigen Fragen.

von Lara Bechtold und Sophie Otto

Frau Dische, soeben lasen Sie im Rahmen des globale°- Festivals aus Ihrem neuen Roman Schwarz und Weiß vor. Unter anderem haben Sie für diese Lesung den Textauszug in Disney-World ausgewählt. Warum haben Sie sich gerade für diese Szene entschieden?

Ja, das war vielleicht gar keine gute Idee. War das erschreckend? War es blöd? War es langweilig? (Wir lachen.) Also ich wollte das einfach mal versuchen. Ich wollte einfach versuchen, was anderes zu machen, bei den Lesungen. Und dann dachte ich: ,,Man darf nicht aufhören Dinge auszuprobieren.“ War es verwirrend?

Als Einstieg ist es mit Sicherheit nicht die einfachste Textstelle. Aber sie ist insofern spannend, da Duke mit seiner bisher unerschütterlichen Loyalität zu Lili zu brechen beginnt. Es ist eine prägnante Schlüsselszene zwischen ihm und Lili, ohne dass Lili anwesend ist.

Ja, es ist eine Schlüsselszene. Und es geht um einen gütigen Menschen, der Versuchung empfindet. Ich habe solche Ehen beobachtet. Eine Ehe zu führen ist ein harter Kampf. Auf Englisch gibt es einen Untertitel für den Roman. Dieser heißt An American Husband. A Civil War Story. Eine Kriegsgeschichte. Und das ist der Roman, eine Kriegsgeschichte.

Wenn man um diesen englischen Untertitel weiß, passt der Roman noch besser in den Kontext der diesjährigen globale°, unter dem Thema Krieg und Frieden.

Es ist ein sehr guter Titel auf Englisch.

Im Buch werden viele menschliche Abgründe aufgezeigt. In gewissen Situationen war es sehr schwer, Einblicke in das Innenleben von Lili und Duke zu bekommen. Warum ist das so?

Dass es oberflächlich bleibt? Wie schon in der Lesung gesagt, die Geschichte schrieb sich von selbst. Sie war so angelegt und sie ist so passiert. Sie wollte so erzählt werden. Vielleicht wollte ich die Geschichte wie eine Heiligenlegende erzählen. Die haben immer so einen Grad von Implausibilität. Das ist die beste Antwort, die ich auf die Frage geben kann. Es war durchaus meine Absicht, legendenhaft zu erzählen.

Noch eine Frage zu dem, was in der Disney-Szene schon anklang: Die Eltern-Kind-Beziehungen, die am Ende des Romans eine wichtige Rolle spielen. Was hat gerade diese Beziehung für eine besondere Bedeutung?

Ich habe den Schluss übrigens geändert, nachdem es veröffentlicht worden ist. (Wir lachen.) Ich fand ihn so kalt diesen Schluss, es ging irgendwie nicht. Ich änderte nur einen Satz, doch dieser Satz machte einen riesen Unterschied. Nämlich, dass bei der Hinrichtung, anstatt dass Lili dabei ist und Duke sich in dem Moment seines Todes auf sie konzentriert, Lili gar nicht da ist. Ich habe Jo hinzugefügt, Dukes Mutter. Jo kommt und guckt wie ihr Sohn hingerichtet wird. Es ist wirklich schrecklich. Es ist traurig. Und Lili ist in New York mit ihrem Vater und ist hässlich. Oscar Wilde-mäßig hässlich geworden. Wenn man Kinder hat, dann merkt man glaube ich im Alter, dass die Beziehung eine bestehende Bindung ist, die man sich, wenn man jung ist, gar nicht richtig vorstellen kann. Man kann es sich nicht vorstellen, bis man die Eltern verliert. Und da die Eltern schon diesen Verlust erlebt haben, wissen sie um die Bedeutung. Die Beziehung ist eigentlich aus Altersweisheit heraus geschildert.

Es tat fast weh am Ende zu lesen, als Lili zurück zu ihrem Vater geht und als einer der letzten Sätze geschrieben steht, dass sie darüber sprachen, Väter und Töchter seien das perfekte Paar. Dieses wurde zu Beginn des Romans ja auch über Duke und Lili behauptet. Und in dem Wissen, dass Dukes Beziehung zu seiner Tochter zu seiner Hinrichtung führt …  

Ja, das ist eine traurige Geschichte. Aber dieser Roman ist so, weil ich so viele Jahre dran gearbeitet habe. Es ist sehr vielschichtig geworden. Alles, was ich mir über zehn Jahre gedacht habe, ist da irgendwie rein geflossen. Als Schriftsteller macht man das ja. Es ist sehr persönlich. Man schreibt ja nichts, das nicht mit einem zu tun hat. Und ich identifiziere mich ja auch mit all meinen Figuren. Auch wenn ich nicht grausam sein kann, wie es Lili ist. Das war schwer für mich. Ich mag etwas an Lili, nämlich, dass sie so schlau ist und dass sie nichts daraus macht. Das gefällt mir. Das ist so wunderbar, so selten.

Wollten Sie sich mit den Charakteren selbst herausfordern, oder warum haben Sie sich für so komplexe Figuren entschieden?

Also jedes Buch ist für mich eine Art Untersuchung. Man will irgendwas erfahren. Und dann schreibt man eine Geschichte und durch das Schreiben versucht man eine Antwort auf die eigene Frage zu kriegen. Meine Frage lautete: ,,Wie funktionieren das Böse und das Gute zusammen?“. Ich wollte es wissen.
Im realen Leben habe ich solche Beziehungen beobachtet. Ich erinnere mich an eine Frau, unendlich böse, die mit einem Mann verheiratet war, den ich gut kannte. Der unendlich tolerant war. Diese Beziehung hatte eine Haltkraft, die so beachtlich war. Und eines Tages, war die Frau nicht mehr da. Ich habe ihn natürlich gefragt, wo sie sei. Und er antwortete: ,,Ich habe sie weggeschickt.“ Und dieses Moment hat mich so fasziniert. Das war der Auslöser für dieses Buch, es war dieses Paar, dieser Moment.

10 Jahre sind ein langer Zeitraum. Was würden Sie im Nachhinein sagen, wenn Sie auf den Schreibprozess zurückblicken? Gab es viele Einflüsse, die immer wieder dazu kamen und die den Roman in neue Bahnen gelenkt haben? Oder war die Struktur von Anfang an klar?

Ich habe ein Jahr nicht drauf geguckt, weil ich mich über das Buch so geärgert habe. Es war mir irgendwie entgleist. Und jetzt habe ich es wieder angesehen für eine Fernsehproduktion. Habe es wieder gelesen. Seit zwei Monaten korrigiere ich es und mache es wirklich zu Ende, wie ich es haben will. Und jetzt gefällt es mir wirklich. Vielleicht sind auch die Figuren ein bisschen besser. Ich habe so eine Geschichte noch nie geschrieben. Aber so ist das eben. Wenn man sich immer langweilt, will man immer was Neues probieren. Ich habe ja schon einen Krimi probiert. Es geschieht immer alles einmal. Nie wieder! (Wir lachen.)

Wird es dann noch einmal eine Neuauflage geben? Eine ,,optimierte“ Version von Schwarz und Weiss?

Das ist eine gute Idee. Meine Übersetzerin würde glaube ich aus dem Fenster springen. (Wir lachen.) Das würde ich gerne machen. Darüber muss ich aber mit dem Verlag reden. Wahrscheinlich muss ich es dann selbst bezahlen.

War die Übersetzung von Schwarz und Weiß denn so ein schwieriges Thema?

Ich habe einfach nicht mehr mitgemacht. Es wurde übersetzt von einem Kollegen, absolut schrecklich. Und ich weiß nicht, zu welchem Grad ich auch schuld bin, oder mitschuldig bin. Es war so eine blöde Situation, dass ich eine unfertige Fassung geliefert hatte. Ich arbeitete immer weiter dran. Ich kann einfach nie aufhören und da hatte es der Übersetzer schwer. Deswegen habe ich das Manuskript meiner Freundin und Kollegin Elisabeth Plessen gezeigt, mit der Bitte, es einfach nur ein bisschen zu korrigieren. Und dann sind vier, fünf Monate verstrichen und sie arbeitete jeden Tag zwölf Stunden und hat es ganz neu übersetzt. Ihr gehört mein ewiger Dank! (Alle lachen.) Und ich habe es nicht mehr durchgelesen, weil ich mit den Nerven wirklich am Ende war.

Um noch einmal zu Schwarz und Weiß zurückzukehren: In der Lesung sprachen Sie von dem engen Bezug, welchen Sie zu New York und Florida haben! Ist dies auch der Grund, warum diese zwei Orte die Hauptschauplätze sind?

Ich kenne diese Orte sehr gut. Und ich habe mir immer vorgestellt, dass der Duke aus einer schwarzen Stadt kommt. Es gibt in Amerika vier solcher Städte und zwei davon in Florida. In diesen Städten leben nur Schwarze. Und die Weißen haben diese Städte für die Schwarzen gebaut. Und ja, ich wollte ihn dort haben. In solch einer Stadt. Ich kenne diese Städte gut. Man schreibt darüber, was man kennt. Und, ich mag es nicht. Wirklich nicht! Dort zu leben ist ganz furchtbar!

Also wurden diese Orte daher auch zur Zielscheibe Ihrer formulierten Gesellschaftskritik?

Ich wollte das mal schildern. Weil es nie geschildert wird! Es kommt einfach nicht vor! Die New Yorker kennen das Leben in diesen Städten überhaupt nicht. Sie kennen Miami, aber sie kennen den Süden nicht! Oder anders gesagt, ich kannte den Süden nicht. Natürlich gibt es New Yorker, die auch aus den Südstaaten kommen, aber ich kannte es nicht.

Haben Sie denn schon Rückmeldung von amerikanischen Freund*innen/Kolleg*innen, die ihr Buch gelesen haben?

Ja, deswegen musste ich auch ein bisschen gucken mit der Konzeption meines Romans. ,,Das Schwarze“ ist problematisch in Amerika! Und dass ein schwarzer Mann seine Tochter liebt, ist auch problematisch! Eine erste Frage vom Verleger war, ob ich Duke nicht weiß machen kann. Ich habe große Probleme in Amerika. Ich komme nicht klar mit dem amerikanischen Büchermarkt. Bei uns kann man alles im Fernsehen machen, alles in Büchern schreiben, das bedeutet eine große schriftstellerische Freiheit.

Wir wussten gar nicht, dass der amerikanische Büchermarkt so kompliziert ist, oder besser gesagt, so viel tabuisiert wird.

Er ist auch einfach so klein! Und er wird immer kleiner!

Wollten Sie denn immer schon Schriftstellerin werden?

Nein! (Alle lachen.) Alles andere funktionierte nur nicht! Ich war eine entsetzlich schlechte Schülerin, eine noch schlechtere Studentin! Es blieb mir nichts anderes übrig. Ich konnte Gott sei Dank schreiben, denn ich hatte auch nicht die Fähigkeit einen normalen Alltag zu haben. Ich hatte einfach ein Temperamentsproblem. Naja, ich bin da reingerutscht.

Man könnte sagen, dass die unvorhergesehenen Dinge nicht die allerschlimmsten sind, wenn man sich Ihren Erfolg einmal anschaut.

Ich hätte gerne Medizin studiert. Ich bin durchgefallen. Im ersten Semester, in allen Fächern. (Alle lachen.) Und dann blieb mir nichts anderes als Literatur zu studieren. So eine etwas niedrigere Wissenschaft (lacht). Wohin die Leute absteigen. Geschrieben habe ich immer, ich fand nur, dass das keine seriöse Tätigkeit ist und das ist es wahrscheinlich auch nicht (lacht). Viele Leute wollen Schriftsteller werden, aber ich wollte es wirklich nicht. Das war nie mein Ziel.

Nur noch eine Frage zum Schluss: Sie haben in dem Disneykapitel unter anderem vorgelesen ,,Im Allerfremdesten das Vertraute suchen“. Dieses Zitat bezieht sich auf Lucy. Das steht so sinnbildlich für die vermeintliche Unvereinbarkeit von Schwarz und Weiß, die ja immer wieder aufgezeigt und thematisiert wird. Ist das die Lösung für die Problematik? Es ist eine furchtbare Perspektive zu sagen, diese Gegensätze können sich nicht treffen, für Schwarz und Weiß gibt es keine Chance.

Ja! Ich finde ja! Das ist die Lösung! Und irgendwie schaffen Duke und Lili das ja auch. Ich meine, die Beiden wären ja ein ideales und vollkommen gutes Paar, wenn sie nicht böse wäre. Aber das ist gerade für mich das Interessante gewesen. Wie man diese Gegensätze zusammenbringen kann. Naja, ihr seid ja noch nicht verheiratet. Die Ehe ist auch ziemlich schwer. (Alle lachen.)

Frau Dische, vielen Dank für Ihre Zeit!

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