Das Schweigen brechen

Im Kleinen Haus des Theaters hatte man am Sonntag die Möglichkeit, den Autoren Ananij Kokurin über sein erstes Buch sprechen zu hören. Natürlich wurde auch vorgelesen – auf Deutsch und auf Russisch. Im Gespräch erzählte Kokurin davon, wer ihn zum Schreiben inspiriert hat, von einem neuen Buch und warum manchmal zu schweigen unvermeidbar ist.

von Ramona Wendt

Ananij Kokurin ist jemand, dem man gern zuhört und das liegt nicht nur an dem angenehm russischen Akzent und der tiefen Stimme. Die ganze Zeit strahlt er Gelassenheit aus, nimmt sich oft kurz Zeit, um in Ruhe zu überlegen, bevor er eine Frage beantwortet und ist auch gleichzeitig zu Scherzen aufgelegt.

Die Zuschauer erfahren, als der Autor vorgestellt wird, was er vor seiner Karriere als Schriftsteller noch alles gemacht hat: Restaurator, Chorleiter, Goldschmied, Slawist, Fotograf, … . Die Liste scheint kein Ende zu nehmen. Eigentlich heißt er Andrej Krementschouk, entschied sich aber für seine Arbeit als Schriftsteller den Mädchennamen seiner Mutter anzunehmen. Mit der Fotografie hat er irgendwie abgeschlossen, denn mit seiner Karriere als Autor habe ein neuer Lebensabschnitt für ihn begonnen. „Sozusagen etwas Ernsteres“, sagt er und lacht.

Mit seinem Roman Der Tisch, der von einer russischen Mutter und ihrer Tochter handelt, die sich gemeinsam mit schwerem Gepäck durch die Weiten Russlands wagen und während der Reise den Zweiten Weltkrieg verarbeiten, verbindet Kokurin eine ganz besondere Begegnung. Die Geschichte beruhe auf einer wahren Begebenheit, von der Kokurin zufällig erfahren hatte. Als junger Mann traf er im Zug eine Frau, die ihn in ihr Familiengeheimnis einweihte. Sie erzählte ihm davon, dass ihre Mutter ihr eine aufwühlende Geschichte anvertraut hatte, die ihr eigenes Leben betrifft und immer noch beeinflusst. Der große Esstisch aus ihrem Elternhaus, den ihre Mutter auf ihrer Reise unbedingt mitnehmen wollte, war deshalb so wichtig, weil er etwas mit einem deutschen Offizier zu tun hatte, in den sich ihre Mutter während des Zweiten Weltkriegs verliebt hatte. „Die beiden haben den Tisch getragen, wie Jesus das Kreuz“, sagt Kokurin und wird dabei sehr ernst und nachdenklich. Er fand die zufällige Begegnung mit der Frau im Zug sehr berührend, konnte sie nie vergessen und machte ihre Geschichte deshalb zum Thema seines ersten Romans. Die Frage einer Zuschauerin im Saal, ob die Dame über das Buch Bescheid wüsste, verneint der Autor. Es handelte sich nur um ein recht kurzes Aufeinandertreffen, bei dem lediglich Zeit blieb, sich den Namen des Offiziers zu notieren: Georg. Die Frau erzählte, dass ihre Mutter sich so sehr gewünscht hatte, auch einmal die Luft in Deutschland atmen zu können, die ihr Georg geatmet hatte. Solche und andere Sätze inspirierten Kokurin zu diesem Buch, das nun hier in Bremen aufgeschlagen vor ihm auf dem Tisch liegt.

Er selbst bezeichnet seinen Roman als Fiktion, der sich aus mehreren realen Geschichten zusammensetzt und im Kern auf dem Erzählten von dieser Frau aus dem Zug beruht. Die Moderatorin Ina Schenker kann Kokurin noch weitere Details entlocken. Im Buch werden mehrere Geschichten von Leuten angesprochen, welchen die beiden Frauen auf ihrem Weg durch Russland begegnen. Sie tauschen sich über den Krieg aus und darüber, was jeder von ihnen zu dieser Zeit erlebt hat. Zu der einen Figur wurde Kokurin vom Bruder seines Opas inspiriert. Der Mann war damals unglücklich verliebt, in seinem Roman aber hat Kokurin den Traum seines Verwandten wahr werden und die Liebesgeschichte glücklich enden lassen. Auch beim Lesen von Internetforen berührte den Autor das Geschriebene eines Users – dieser wurde ebenfalls zu einer Person in seinem Buch. Andere Figuren, wie zum Beispiel die beste Freundin der Mutter, hat Kokurin sich aber komplett ausgedacht.

Das Schweigen und das Hüten von lange verborgenen Familiengeheimnissen ist zentrales Thema in Kokurins Roman. Für die Mutter Maria ist es schwer, über ihre Vergangenheit zu sprechen, weil es sie immer noch schmerzt, daran zu denken. „Das Schweigen ist manchmal eine Überlebensstrategie, um dem treu zu sein, was dir wichtig ist“, sagt Kokurin. Letztendlich könne sich seine Protagonistin aber dennoch davon befreien, weil sie findet, dass es an der Zeit ist, ihrer Tochter Anna die Wahrheit zu sagen. Den Mut dazu kann sie erst aufbringen, als sie ihr Elternhaus für immer verlässt. Auch ihr eigener Vater behielt lange Zeit ein Geheimnis für sich, was er seiner Tochter erst sagen konnte, als er beschlossen hatte, sein Heimatdorf zu verlassen. Es folgen im Laufe der Veranstaltung immer wieder Textauszüge, die von den Theaterschauspielerinnen vorgelesen werden und definitiv neugierig machen, das ganze Buch zu lesen.

Was allerdings schon jetzt verraten wird, ist, dass Anna, die Tochter der Protagonistin, bis zum Schluss ein Buch mit sieben Siegeln bleibt. Der Roman ist wie ein langer Brief aufgebaut, den Anna an ihren Sohn schreibt, um ihm die Geschichte seiner Großmutter und einen Teil ihrer eigenen zu erzählen. Dabei erwähnt sie allerdings kein Wort davon, wer eigentlich der Vater ihres Sohnes ist. Auf die Frage hin, warum Anna sich nicht öffnet, denkt Kokurin einen Moment nach und seufzt. „Es ist einfach schwierig in Russland, seinem Kind zu sagen, dass man einfach ein Kind wollte, dass man allein und traurig war und vielleicht nicht weiß, wer der Vater ist.“ Er selbst kenne solche Frauen und auch seine Figur Anna könnte so jemand sein. In seinem nächsten Roman soll Annas Sohn die Hauptfigur sein, der sich auf die Suche nach seinem Vater begibt.

Die Zeit ist wie im Fluge vergangen und Ananij Kokurin hätte sicherlich noch so viel mehr zu erzählen. Nachdem bereits die zwei Damen des Bremer Theaters Auszüge seines Buchs präsentiert haben, möchte er dem Publikum zum Schluss noch einen kurzen Teil auf Russisch, seiner Muttersprache, vorlesen. Als er fragt, wer denn alles Russisch könne und sich kaum jemand meldet, sagt er verschmitzt: „Auch nicht schlecht, dann könnte ich Ihnen jetzt wohl alles mögliche erzählen.“ Die Zuschauer lachen, konzentrieren sich dann aber schnell auf die volle, warme Stimme des Autors, bevor die Lesung sich ganz dem Ende neigt.

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