Vor der Natur sind wir alle gleich

Kaffee, Croissants und ein Buch über Migration. Ein Samstagmorgen im Institut Francais mit dem Autor Mohamed Mbougar Sarr. Von Felix Krause.

Die Sonne bestrahlt die doch schon sehr herbstlich-bunten Blätter im Garten der wunderschönen Stadtvilla des Institut Francais. An die 30 Interessierten sind gekommen, um den diesjährigen Preisträger des Prix de la Porte dorée, Mohamed Mbougar Sarr, zu sehen. Der renommierte Preis wird jedes Jahr für Erzähltexte über Migration vergeben, seit fünf Jahren existiert eine Kooperation zwischen dem Preis und der globale°, die die Ausgezeichneten regelmäßig nach Bremen holt. So auch Mbougar Sarr. Der smarte, junge Mann, aus dem Senegal stammend und in Paris lebend, stellt sein Buch Le silence du choeur (dt. „die Stille des Chores“) vor. Dann der Schock: zu dem Roman liegt noch keine deutsche Übersetzung vor, was bedeutet, dass nur das französische Original vorgetragen werden wird. Keine Übersetzung. Keine Lese-Performance etwa durch Schauspieler*innen, wie das bei der globale° glücklicherweise ja sonst üblich ist. Na gut. Gehirn einschalten. Wie war das nochmal mit… (Haben wir den Französischunterricht nicht alle geliebt in der Schule?) Die Ironie, dass der Roman ja auch genau davon handelt, nämlich von sprachlichen Barrieren, vom Verstandenwerden, von Babel.

Les hommes étaient-ils plus riches avant ou après la perte de la langue unique de Babel?“ (Mohamed Mbougar Sarr)

(dt: „Waren die Menschen reicher vor oder nach dem Verlust der einzigartigen Sprache von Babel?“)

Und dann geht es richtig los. Und wir tauchen in den Text ein. Erfahren, wie in Le silence du choeur 72 Geflüchtete aus Afrika nach Sizilien kommen. Wir erfahren von Begegnungen mit Einheimischen, von Organisationen, die den Geflüchteten helfen wollen und auch von rechtem Protest, der sich regt, der irgendwann eskaliert. Eine Parabel, die überall in Europa, auch im Nachbardorf, spielen könnte. Der Roman jedoch weder abgedroschen noch banalisierend. Mbougar Sarr erzählt, dass er jeder Seite Raum verschafft. Dass viele Figuren eine Stimme, oder besser: ein eigenes Profil erhalten. Die Wahrheit liege in der Differenzierung. „Kaleidoskopartig“, wie Elisabeth Arend das nennt. Sie leitet die Diskussion, moderiert mit klugen Fragen und Überleitungen durch diesen Literaturmorgen (und fasst an entscheidenden Stellen nochmals auf deutsch zusammen. Danke dafür.) Sie ist es auch, die das Bild des „disharmonischen Chors“ entwirft. Die ganzen Stimmen, die sich gleichzeitig, aber unterschiedlich, ja widersprüchlich, artikulieren. Bis schließlich die Stille, die silence, eintritt.

Der disharmonische Chor wird unterbrochen

Schließlich die Pointe. Das große, kluge Sinnbild: der Ätna bricht aus und die Natur zeigt uns, wie nichtig eigentlich der Streit zwischen dem „Homme arrivé“, dem archetypischen „angekommenem Menschen“, und dem Einheimischen ist, der den Untergang seiner alten Heimat fürchtet. Ob das gemeinsame Schicksal, die existenzielle Bedrohung durch die Natur es endlich schafft, die Menschen zu vereinen, bleibt offen. Ein klares „ja“ wäre in Anbetracht unserer Welt, die ja genügend globale Probleme hat, auch zu optimistisch.

Zum Schluss weht sogar auch noch ein Hauch von Feminismus durch den Saal, als die Leiterin des Institut Francais Bremen, fragt, wieso eigentlich nur Männer unter den Geflüchteten sind. Ein Raunen geht durch das vorwiegend weibliche, links-liberal-wirkende Publikum. Schmunzeln. Mbougar Sarr erklärt, dass er selbst auf einer Reise in Sizilien war. Dort habe er genau das gesehen. Sein Roman sei jedoch keine Reportage, sondern eine „Recréation“, ein Wiedererschaffen der Situation, die er hautnah miterlebt hat. Eine einfühlsame Geschichte. Ein Kluges Buch. Könnte ich es lesen, ich würde es mir kaufen.

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