„Ich schreibe über die Absurdität des Orients.“ – Lesung und Gespräch mit Bachtyar Ali

von Lissi Savin

Draußen tröpfelt Regen auf die Pflastersteine. Für einen Novemberabend ist es angenehm warm. Ich steige die Treppen hoch in den Wall-Saal der Stadtbibliothek Bremen. Mehr als die Hälfte der Sitzplätze ist belegt.

Irgendwann betreten Bachtyar Ali und der Moderator Stefan Weidner die Bühne und machen es sich auf den zwei roten Sesseln gemütlich. Nachdem Weidner dem kurdischen Autor eine Frage stellt, sagt dieser, bevor er antwortet: „Guten Abend erstmal.“ Dabei breitet sich ein Lächeln auf seinem Gesicht aus. Das Publikum lacht. Das Eis ist gebrochen.

Ali trägt einen schwarzen Schal, dunkelblauen Pulli und eine blaue Jeans. Er sitzt sichtlich bequem auf dem Sessel. Scheint die Ruhe selbst. Während der Moderator energiegeladen auf dem Sessel herumrutscht und seine langformulierten Fragen und Analysen loswird.

Zwischendurch werden Ausschnitte aus dem Roman Die Stadt der weißen Musiker vorgelesen. Nicht von Ali selbst. Er gibt sich mit seinen Deutschkenntnissen bescheiden. „Oscar Wilde sagte einmal, das Leben sei zu kurz, um Deutsch zu lernen“, zitiert Ali scherzhaft. Seit den 90er Jahren wohnt der 52-Jährige in Deutschland.

Das Gespräch dreht sich um die kurdische Sprache, das zerteilte Kurdistan und die Herrschaft Saddam Husseins. Das Buch spielt unter anderem in der Zeit, als Kurden verfolgt und vernichtet wurden. „Deine Figuren haben eine unheimliche Willenskraft. Kommt die von dir?“, fragt Weidner. „Ich schreibe über die Absurdität des Orients. Diktatur macht alles unwirklich. Man braucht sehr viel Energie und Kraft, um zu überleben“, antwortet Ali. Er selbst habe sich sieben Jahre verstecken müssen. Jede Nacht sei ein Alptraum gewesen. Nie habe man gewusst, was am nächsten Tag passiert. „Die Figuren haben mir geholfen, es zu verarbeiten.“

Ali hat eine warme Ausstrahlung. Er scheint wie ein lieber Onkel. Es ist kaum vorstellbar, was er durchgemacht haben muss. Ein paar Erlebnisse gibt er preis: Als Ali jung war, waren in seiner Heimat – dem irakischen Kurdistan – politische und philosophische Bücher verboten. Sein kommunistischer Vater hatte marxistische Bücher zu Hause. Aus Angst verbrannte Ali diese. Jahre später wurden derartige Bücher bei einem Freund Alis entdeckt, worauf er festgenommen und hingerichtet wurde.

Kurdisch neu entdecken

Heute kann Ali in seiner Sprache schreiben, was er will. Das wird dann auch mal gerne philosophisch. Kurdisch wird von 14 Millionen Leuten gesprochen und war fast immer verboten. Seit 1991 werde Kurdisch durch Bücher gerettet, sagt Ali. Er sehe es als Abenteuer, die Sprache zu entdecken und aufzubauen. In Kurdistan ist er längst bekannt und wird mit Literaturpreisen geehrt. Besonders wegen seiner unparteiischen Haltung und offenen Kritik an Politik, ist er angesehen. Die Deutschen Ausgaben von zwei seiner Werke gibt es dagegen erst seit letztem Jahr. Wie findet Ali die Übersetzung von Die Stadt der weißen Musiker? „Ich war sehr glücklich über die originale Übersetzung. Der kurdische Klang war da. Durch das Lektorat ist er etwas verloren gegangen.“

Mit seiner angenehmen Stimme liest Ali gegen Ende der Veranstaltung das erste Kapitel auf Kurdisch vor. Zwischen rollenden Rs fügen sich Laute zusammen und ergeben ungewohnte Klänge. Obwohl ich nur das Wort Amsterdam verstehe, ist es faszinierend, zuzuhören. Es hätte gerne weitergehen können. Zu schnell sind die 90 Minuten vorbei und die Lesung beendet.

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