Living the American Dream – Ein Albtraum im literarischen Gewand

Über Schwarz und Weiss, Liebe und Hass, Schuld und Unschuld, Schein und Sein. Irene Disches neuer Roman – Eine Auseinandersetzung mit großen Themen des Lebens?!
Von Sophie Otto

Der neue Roman der deutsch-amerikanischen Autorin Irene Dische – ein Paradebeispiel für die destruktive Macht toxischer Beziehungsgeflechte.
In ,,Schwarz und Weiss“ hat es zunächst den Anschein als gehe es vor allem um eines: Die Höhen und Tiefen einer ganz großen Liebe. Diese wird zwischen zwei Menschen eingeführt: Lili Stone und Duke Butler, zwei junge Erwachsene, welche sich in den 1970ern in Nairobi erstmals begegnen.
Das Kennenlernen verläuft nach klassischem Muster: Der mittellose schwarze Mann rettet die wohlhabende weiße Frau aus einer Misere. Ihre Wege trennen sich, nur eine New Yorker Telefonnummer bleibt Duke. Jahre später sehen sie sich dort wieder – dieses Mal sind es Lili und ihre Eltern, die Duke von den Fesseln des Militärdienstes befreien und ihm, durch ihre Kontakte und mit Zuneigung, den Weg in die US-amerikanische High Society ermöglichen. Natürlich hat Duke ein verstecktes Talent, selbstverständlich wird dieses entdeckt und entsprechend gefördert, selbstredend werden Duke und Lili ein Paar, von der Liebe zueinander überwältigt. Was zunächst nach einer überschaubaren Binnennarration klingt wird jedoch von einer Rahmenerzählung umgeben, welche das vernichtende Ende dieser großen Liebe bereits im Prolog verrät: Duke wird zum Tode verurteilt werden.

Die Rahmenerzählerin, die Mutter Dukes, kommentiert und verkündet – fast schon penetrant taucht sie auf, wenn man sich gerade im Strudel der eigentlichen Erzählung mitreißen lassen möchte.
Die geschickt aufgebaute Spannungskurve des Romans eröffnet ein komplexes Bild über die Menschheit, die Gesellschaft Amerikas, Familienkonstellationen und das Wesen des Individuums. Die Einflüsse vom Großen zum Kleinen und umgekehrt, alles scheint miteinander verstrickt zu sein. Was bleibt ist der Eindruck, bis zum Schluss nicht zu wissen, was man von all dem eigentlich halten soll. Die Grenze zwischen Sympathie und Antipathie verschwimmt, nur fragmentarisch erhält der Lesende* Einblicke in das Innenleben, die Motivation bestimmter Handlungen und die Psyche der Protagonist*innen. Diese Konzeption des Romans eröffnet Abgründe, über die es kein festes Urteil geben kann. Das Ende ist bekannt, nur weiß man bis zu den letzten Seiten nicht, wie es dazu kommen wird. Das Lesen bedeutet ein stetes Wappnen gegen schlimmste Befürchtungen.

Vielleicht ist es gerade die Gleichzeitigkeit von Tragik und Komik, die diesen Roman so besonders macht.
Die Ignoranz der sich liebenden Menschen, die Selbstsucht und Scheinheiligkeit der High Society, der Hass gegenüber den Menschen, die Macht über einen haben – all dieses erinnert an die Realität. Karikativ und provozierend rechnet Irene Dische mit dem Staat ab, indem sie am Beispiel des perfekten, amerikanischen Paares, der Inkarnation des I have a Dream, diese Vision mit Wortgewalt zertrümmert. Vielleicht macht gerade das es manchmal so schwer, weiterzublättern. Die Konfrontation mit den Menschen an sich, die sogar in bestem Wissen manchmal eines sind: wenig menschlich. Die große Liebe scheint demnach vor allem eines zu sein: toxisch und destruktiv.

Irene Dische: Schwarz und Weiss. Roman. Aus dem amerikanischen Englisch von Elisabeth Plessen. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2017. 489 Seiten, 26,00 €.

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