‚Unter Weissen‘ – Ein Gespräch mit Mohamed Amjahid

von Laura Bindelli, Mehregan Behrouz und Mareike Grau

 

Hallo Mohamed, wie geht’s dir?

Mir geht es gut, ich hab viel Wasser getrunken, hab viel gesprochen; ich bin in Bremen und es ist kalt – sonst ist alles super! Ich bin sehr froh, dass so viele Leute hier waren und sich mit dem Thema auseinandersetzen. Vielleicht werden sie dann individuell weiterreden und möglicherweise nicht nur unbedingt mein Buch oder das von Fatma Aydemir weiterempfehlen, sondern auch die Themen weitertragen.

Was war entscheidender Faktor dieses Buch zu schreiben? Wann hast du gedacht dass es Zeit dafür ist?

Als mein Literaturagent gefragt hat, ob ich ein Buch schreiben möchte! Es gab tatsächlich inhaltlich keinen richtigen Zeitpunkt, an dem ich gedacht hab „so, jetzt hab ich genug Material“ oder „jetzt ist mir das und das passiert“. Diese Themen begleiten so konstant mein Leben, ich hätte, denke ich, schon viel früher dieses Buch schreiben können und das ist eigentlich auch so ein bisschen das traurige daran. Sich dann aber wirklich hinzusetzen… das Buch fängt ja auch damit an, wie schwierig es ist, dieses Buch zu schreiben. Gleichzeitig bin ich natürlich in der privilegierten Position dafür bezahlt zu werden, dass ich mir das von der Seele schreibe. Es gab es dann aber diesen Moment, wo ich mich zum Schreiben nach Rumänien zurückgezogen habe und mir gedacht habe „das muss ich jetzt machen“! Das ist so mein kleiner Beitrag zu dieser sehr verrückten Lage in der wir leben. Ich glaube nicht, dass es unbedingt schlimmer geworden ist aber es ist viel sichtbarer geworden, beispielsweise über soziale Medien, über irgendwelche PR Tricks, die jetzt angewendet werden oder identitäre junge Leute, die sich plötzlich, ganz plakativ gesagt, anziehen wie wir. Und in dieser Kakophonie, in diesem Orchester quasi, war das mein kleiner Beitrag, den ich geleistet habe. Nachdem mich der Literaturagent dann gefragt hat und Hanser Berlin das auch unbedingt wollte, war auch die Motivation da zu sagen „das muss ich jetzt einfach machen“.

Wir sind froh, dass du es gemacht hast!

Danke!

Was hast du für einen Bezug zu diesem Buch? Wie ist es entstanden?

Ich habe lange Diskussionen mit meinem Lektor bei Hansa Berlin geführt, die supergut waren weil er sehr ehrlich zu mir war. Er ist ein weisser, heterosexueller, nicht sehr junger Mann und er hat mir eigentlich ganz am Anfang gesagt, dass er sich nie so richtig mit den Themen auseinandergesetzt hatte, was eigentlich super gepasst hat, weil genau das ideal-typisch mein Publikum ist. Deswegen war es total wichtig, die Themen mit ihm auch im Gespräch zu entwickeln und zu schauen: wo muss ich jetzt hier eigentlich einmal genau aufschreiben was ich damit überhaupt meine, mit ‚token‘ zum Beispiel oder mit ‚white saviour complex‘ und was da nicht alles vorkommt. Es ist mir tatsächlich, denke ich, teilweise leicht gefallen die Geschichten aufzuschreiben, weil das einfach mein Job ist: ich beobachte und schreibe es auf, hoffentlich so, dass man es gerne liest. Aber in Buchform – es ist mein erstes eigenes Buch, das ich alleine geschrieben hab – war es dann doch wichtig den Text quasi immer zu entwickeln, zu schauen und zu testen. Ich hatte in meinem Freundenkreis viele Menschen, die mich unterstützt haben und die mir beispielsweise gesagt haben „das ist vielleicht hier zu harsch“ und „das ist hier vielleicht ein bisschen zu weich formuliert“. Und dieses Entwickeln, das hat – ich habe alle deadlines eingehalten [lacht] – aber dieses Entwickeln das hat schon auch einige Zeit gedauert und ich hab es tatsächlich neben meinem regulären Job gemacht, meinem Vollzeitjob, und das würde ich nie wieder machen wenn ich es verhindern kann. Aber ich hatte quasi dieses Adrenalin an Wochenenden und an Feiertagen auch zu arbeiten.

Musstest du deinen Schreibstil ändern?

Ja, auf jeden Fall. Ich schreibe ja auch ‚longreads‘ für die Zeit und das Zeit Magazin, was im Vergleich zu meinem Job vorher, wo ich bei einer Tageszeitung gearbeitet hab, wieder anders ist. Ich muss den Ton quasi so aufrecht erhalten, dass jemand wirklich auch umblättert und weiterliest und das ist schon knackig finde ich. Das erste Kapitel zu schreiben und nicht zu wissen was im zwölften kapitel stattfindet, das war eine Herausforderung. Dann hab ich nach dem zwölften Kapitel wieder ins erste Kapitel geschaut und mir gesagt „das muss ich ein bisschen anpassen“ und auf diese Weise hab ich das zusammen mit meinem Lektor entwickelt. Gleichzeit hat mein Reporter-dasein da auch total geholfen weil ich jetzt nicht das Problem habe, dass ich davor sitze und nicht schreiben kann, also ich habe keine Angst vor der weissen Seite. Weisse Seite… [lacht].

Jetzt ist es ja doch ein sehr persönliches Buch und es geht auch um Dinge, die man vielleicht gerne verdrängt oder über die man nicht so gerne spricht mit Menschen. Hast du das Gefühl, dass es ein ständiges Wiederaufleben lassen von Dingen ist, die man eigentlich verdrängen möchte?

So eine Art Retraumatisierung meinst du? Ich habe mit vielen anderen Autorinnen und Autoren gesprochen, die ähnlich unterwegs sind im Moment und ich glaube es macht tatsächlich einen Unterschied ob ich sozusagen mich autoretraumatisiere und mich hinstelle und sage: „Jetzt ‚for the cause‘ werde ich das machen und das ist nicht leicht … und muss dann an diese Szene in Ungarn denken und es ist nicht leicht, aber es gibt mir dann auch viel Mut und auch Kraft wenn ich merke dass das die Leute dann auch nicht kalt lässt. Ich behalte auch viele Dinge für mich aber ich kann es in dem Fall ganz konstruktiv teilen. In meinem Job als Reporter habe ich aber eher ein anderes Problem weil ich tatsächlich sehr oft mit Leuten unterwegs bin, die von spezifischem Hass betroffen sind und da musste ich sehr sehr lange daran arbeiten zu lernen mich ranzutasten, zu fühlen ob ich jetzt wirklich diese Frage stellen kann, ob ich der Person auch zumuten kann, mir das und das zu erzählen. Gleichzeitig kann ich diese Retraumatisierung nicht einfach abschalten bei meinem Gegenüber und das ist, glaube ich, für mich noch eher das größere Thema: Wie kann ich eine Retraumatisierung bei Personen, mit denen ich zu tun habe, verhindern? Und ich hab so oft Leute, die dann einfach weinen und wo ich in dem Fall privilegiert sagen kann, ich hab jetzt nicht morgen meinen Redaktionsschluss und wenn du es gar nichts erzählen möchstest, dann auch ok.

Wann hast du angefangen mit dem Schreiben?

Als ich vierzehn war. Meine Mutter hat, als sie schwanger war, immer RTL Aktuell geguckt und Peter Klöppel gemocht und deswegen bin ich laut ihrer These Journalist geworden. [lacht] Ich habe vor zwei Jahren Peter Klöppel getroffen, ein Selfie mit ihm gemacht und ihr geschickt und sie hat es eingerahmt. Und jetzt stimmt ihre These wohl auf jeden Fall, das hab ich davon. [lacht] Ich habe sehr früh angefangen mit Tagebuchschreiben und das auch durchgehalten. Mein Anthropologieprofessor hat damals gesagt „du wirst es noch in Wert setzen können, da wirst du noch froh sein, dass du es gemacht hast“ und er hatte recht. Das Schreiben ist einfach für mich einerseits Therapie und anderseits aber auch das Festhalten von Dingen und Hobby zugleich. Als Vierzehnjähriger habe ich in Marokko angefangen als Schülerpraktikant bei einer Regionalzeitung zu arbeiten und gemerkt, dass das wirklich total was bringt. Mir hat es jetzt im Rückblick tatsächlich geholfen auch mit Blick auf dieses Buch und auf andere Projekte.

Wie schaffst du das so geduldig zu sein, vor allem mit deinen weissen Leserinnen* und Lesern*?

Ehm… [überlegt] Ein Rätsel! Es ist mir ein Rätsel, ich weiss es nicht! Ich bin ja aus Überzeugung bei der Zeit, bei der Wochenzeitung, bei einer liberalen Zeitung, wo quasi das ganze gesellschaftliche Spektrum abgebildet wird und ich glaube ganz fest daran, dass es eine gute Sache ist. Nicht umsont hält sich mein Arbeitgeber, sag ich mal, gut am Markt. Es funktioniert. Und allein weil ich diese Position habe, komme ich automatisch – anders als vielleicht andere Kolleginnen und Kollegen, die zum Beispiel in dezidiert linken Zeitungen oder als freie Journalisten das tun was sie tun – mit Leuten in Berührung, die halt dann wie jetzt grad die Frau kommen und wie sie dann zum Beispiel sagen „Ich bin total enttäuscht, Sie machen keine Islamkritik in ihrem Buch, ich habs gekauft und Sie machen keine Islamkritik und Hamed Abdel Samed ist doch total der tolle Typ und Sie machen den nur fertig“. In dem Fall habe ich mit ihr diskutiert und hab versucht ihr zu erklären, dass sie natürlich auf dem Markt, wenn sie möchte, zweihundert Titel kaufen kann – allein auf der Spiegel Bestseller Liste lauten dreißig Titel ‚was mit Islam‘ und zwanzig ‚was mit sprechenden Tieren‘ – und sie kann sich das wirklich aussuchen. Gleichzeitig habe ich natürlich auch nach einer Weile keine Lust mehr mit dieser Person zu diskutieren, aber es ist Teil meines Jobs da einfach Geduld zu haben und, by the way, nicht nur mit – in dem Fall – unreflektierten, privilegierten Menschen, sondern auch mit People of Color, die eigentlich auf meiner Seite, also „auf meiner Seite“ [macht Anführungszeichen mit den Händen] sein sollten und die mir dann sagen „wie kannst du nur bei dieser Zeitung arbeiten, die ist voll rassistisch, da stand neulich das Buch von Fatma Aydemir ist scheisse“ oder sowas, wo ich so denke: erstens, ich darf nicht arbeitslos sein, ich bin kein deutscher Staatsbürger, zweitens, ich könnte natürlich meinen linken Blog pflegen, aber das lesen dann nicht so viele Leute dass ich davon leben kann und drittens, meine Aufenthaltsgenehmigung hängt von einem Arbeitsplatz ab – und ich möchte Journalist sein – und es ist jetzt nicht so dass ich für die junge Freiheit schreibe. Aber das ist natürlich eine Person, die das geäußert hat, die auf gut Deutsch auch einfach mal Hartzen kann, und das kann ich nicht. Und so ist es glaub ich auch in der linken, PoC, antirassistischen Szene sehr anstrengend über das Thema zu sprechen, weil entweder bist du 100 Prozent sozusagen auf der einen Seite oder du bist out und das ist halt das Ding: ich möchte in den Mainstream. Ich möchte so viele Leute wie möglich erreichen und das ist ab und zu mit Kompromissen verbunden aber ich bin mittlerweile auch in der privilegierten Position zu sagen, dann schreibe ich das Buch bei einem anderen Verlag. Und es ist angstrengend aber es lohnt sich dann irgendwann mal am Ende.

Was bedeutet es für dich Journalist zu sein?

Also es gibt dieses Klischee, das ist glaub ich eine Journalistengeneration vor mir, wo es ja nicht so viele nicht-weisse gab, bis heute gibt’s ja nicht so viele nicht-weisse unter Journalistinnen und Journalisten in Deutschland, die also wurden immer als Brückenbauer bezeichnet und ich finde es so dumm, Brückenbauer von was und wo und wie, „zwei Welten im Herzen“, und dann kommen einige Kolleginnen und Kollegen dann und sagen „Hass kann man nur mit Liebe bekämpfen“, was Liebe, nix Liebe, nee. Hass kann man tatsächlich mit scharfen Analysen und Texten mit Haltung bekämpfen. Und ich hab nichts gegen Liebe aber für mich bedeutet Journalist zu sein, tatsächlich auch einmal den Finger in die Wunde zu legen und zu sagen ich guck mir jetzt diese Kölner Sylvesternacht an und ich schreib das jetzt so auf wie ich es erlebe und ich versuche das auch für unsere Leserinnen und Leser einzuordnen. Und da kam ein junger Mann an, der marrokanischer Staatsbürger ist und der Frauen in der Kölner Sylvesternacht belästigt hat, und das muss ich aufschreiben, das ist Teil meines Jobs. Und gleichzeitig muss ich diese Hysterie – der Exzess nach dem Exzess quasi – auch aufschreiben, wie plötzlich alle „Nafris“ über einen Kamm geschert worden sind. Laut unseren Recherchen sind zwei Dutzend Männer tatsächlich mit verschiedensten Hintergründen dafür zu verantworten, dass das passiert ist in Köln. Und gleichzeitig hab ich einen jungen Mann begleitet, der kommt auch im Buch vor, der hat eine Pfandflasche geklaut und musste 3,5 Monate ins Gefängnis. Das muss, find ich, staatskritisch betrachtet werden und kritisiert werden. Das geht natürlich nicht, du kannst nicht wegen deiner Hautfarbe und weil du diesen Namen trägst einfach so ins Gefängnis wandern. Und so interpretiere ich meine Rolle als Journalist. Politische Korrektheit, das habe ich auch neulich mit meinem Chefredakteur nochmal diskutiert, darunter verstehe ich nicht etwas nicht zu diskutieren, alles kommt auf den Tisch, wirklich alles, und wenn es problematisch ist sage ich bis hier und nicht weiter, also ich diskutiere nicht ob der Holocaust passiert ist oder nicht. Und gleichzeitig heisst politische Korrektheit einfach respektvoll im Ton zu sein, es ist nicht mehr und nicht weniger. Wenn ich zum Beispiel ein Portrait über eine Frau schreibe, dann steig ich nicht mit ihren Brüsten ein – also es ist ein Standard und ich versteh nicht warum die Leute sich dagegen wehren. Und wenn ich beispielsweise ein Portrait über einen Menschen mit Migrationshintergrund schreibe, dann geh ich nicht von seinem oder ihrem Akzent davon aus, dass er oder sie dumm ist, was sehr oft passiert. Und so möchte ich über alles sprechen was relevant ist und auch hinterfragen was über relevante Themen gesprochen wird. Wir reden 90 Prozent der Zeit über Minderheiten. Es ist einfach unglaublich wie besessen so viele Leute davon sind und dann ist es meine Aufgabe dann auch andere, gute Geschichten darüber hinaus zu liefern.

Inwiefern sind Kategorien denn wichtig?

Also ich bin jemand, der sagt es gibt nicht diese Gleichmacherei. Es gibt ja so Leute, die sagen „ich sehe keine Hautfarbe, wir sind alle gleich“, Friede Freude Eierkuchen. Das ist natürlich eine Utopie, die ich als Utopie unterstützen würde aber als Anthropologe würde ich sagen, dass das leider ein bisschen zu simpel gedacht ist. Für mich als Reporter sind Kategorien sowieso immer Themen in meinen Texten, ich muss ja auch einkategorisieren bzw. die Leute irgendwie beschreiben. Ich muss aber jedes Individuum als Individuum sehen und nicht davon ausgehen über ein äußerliches Merkmal oder einen Namen schon zu wissen was diese Person denkt oder wie sie tickt. Gleichzeitig sind Kategorien, die von außen diktiert werden, was ganz anderes als Kategorien, die von Innen mitentwickelt worden sind. Es macht schon einen Unterschied ob ich mich, sag ich mal, als guter Koch bezeichne oder ob von außen Leute sagen „ach du wirst bei ner Dönerbude landen“ oder so. Es ist natürlich wichtig zu schauen wer über wen redet und wer überhaupt sprechfähig ist. Ich kann jetzt in meine Texte nicht immer ’sprechfähig‘ schreiben und das Phänomen erklären, aber ich versuche es immer mitzudenken und Kategorien, die ich anwende – als Autor anwenden muss – auch kritisch zu hinterfragen. Ich hab quasi keine andere Wahl. Ich spreche mit so vielen Leuten, da ist es total schwierig durch die Welt zu laufen und die Leute in der Straße anzuschauen und nicht zu sagen „ahja der könnte so ticken und die könnte so ticken“. Aber dann muss ich innehalten und zu mir sagen, dass ich die Person gar nicht kenne. Was fällt mir eigentlich ein zu sagen die ist so oder so. Ich habe ja auch nicht die Deutungshoheit quasi als Interessensgruppe zu denken oder zu sprechen. Eine Kollegin von mir, Hengameh Yaghoobifarah, ist eher anders in ihrem Ton: sie schreibt sehr gerne von ‚Kartoffeln‘. Und Leute hassen sie dafür weil „das ist rassistisch“ und „wie kann sie nur“ und „dann soll sie zurückgehen in die Türkei oder Mekka oder wo sie her kommt“. Und das ist natürlich lächerlich. In dem Fall, lasst uns das aufwiegen – also wenn man quasi das eine ironisch gemeinte aufwiegt mit dem anderen, wo Kolumnisten wirklich rassistischen Kackscheiss von sich geben, in den verschiedensten Zeitungen und in dieser Republik, dann fällt das gar nicht ins Gewicht. Und mir dann zu erzählen, „das friedliche Zusammenleben bröckelt wegen AutorIn X Y“ oder „wegen deinem Buch“, da kann ich die Leute auch beruhigen. Ihr seid immer noch die Mehrheit, ihr habt immernoch das Sagen. Neulich hat mir ein AFD Wähler geschrieben: „Jetzt sinds 13, demnächst sinds 20, dann sinds 33 Prozent, dann übernehmen wir die Macht“. Das ist möglich. Ich kann das nicht von mir sagen, dass ich die Macht übernehme. Will ich auch gar nicht.

Du hast vorhin auch von sexueller Belästigung gesprochen. Aus dem Zusammenhang kenne ich das, dass mich das dann jedes mal verstummen lässt, dass ich überhaupt nichts sagen kann und überhaupt nicht weiss wie ich darauf reagieren soll. Was für einen Umgang hast du generell im Alltag mit solchen Situationen?

Also ich hab sehr oft Situationen, in denen zum Beispiel ein blöder Witz gemacht wird, das ist glaub ich so vergleichbar mit sexistischen Kommentaren oder Situationen. Deswegen bin ich sehr froh über diese #metoo Debatte, weil das unter Anderem sehr sichtbar gemacht hat, was viele Frauen durchmachen müssen. Und wenns blöde Blicke sind bis zu blöden Sätzen und tatsächlich dann auch physischer Gewalt oder Belästigung. Und diese Mikroaggressionen dauern wirklich an und begleiten einen, wie ein roter Faden quasi, immer von früh morgens bis spät abends durch das Leben. Es kommt tatsächlich auch auf die Tagesform an oder wie ich mich gerade fühle. Manchmal sind die Leute beleidigt weil ich sie ignoriere, das ist auch so eine Art von Widerstand. Einen rassistischen, blöden Witz kontert man sehr gut, wenn es gerade passt und man eine gute Idee hat, mit einem besseren Witz. Oder, die Situation hatte ich auch schon sehr oft, einfach mit so ein bisschen positiv konnotierter Mimikry. Es ist total absurd, aber ich werde in Zügen ganz oft von der Polizei kontrolliert. Das sind ja auch Mikroaggressionen eigentlich, wenn ich nach meinem Pass gefragt werde und die 50 Leute um mich herum nicht. Da gibt es so kleine Techniken, zum Beispiel wenn ich meine eigene Zeitung ausbreite und dahinter verschwinde. Die gucken natürlich wer dahinter sitzt, aber jemand der Zeitung liest kann ja unmöglich ein Mensch sein der Drogen verkauft. Und das sind dann so kleine Guerillataktiken, die man anwenden kann. Und ich glaube mittlerweile schon, dass ich nicht so sprachlos bin wenn sowas passiert, aber ich hab auch einfach nicht mehr die Zeit und die Muße mich mit jedem Idioten, in dem Fall, ausseinanderzusetzen. Und bei der ganzen Debatte ist es auch wichtig, dass wir uns um uns kümmern. Sehr sehr oft ist es ein Kampf. Und sehr sehr oft ist man erschöpft. Und ich finde es total ok wenn man sagt ich nehm mir jetzt mal Urlaub und ich will mich damit nicht ausseinandersetzen und ich kreiere mir meinen ’safe space‘ und rede dann erst über den Sexismus, der mir im Seminar widerfahren ist. Vielleicht entwickelt sich da eine Strategie wie man damit umgehen kann und sowas hilft mir total. Ich habe meinen Freundeskreis zum Glück so ausgesucht, dass ich mich da nicht erklären muss wenn ich sage, du, in Bremen kam dann diese alte Dame auf mich zu und hat mich gerügt weil ich den Islam nicht kritisiert habe auf der Bühne. Meine beste Freundin sagt dann nicht „how dare you“, wie kannst du nur. Und ich denke das ist total wichtig, sich um sich selbst zu kümmern. Ich hab Freunde und Bekannte, die hatten dann wirklich Probleme, weil sie das jeden Tag aufs Neue quasi kaputt gemacht hat. Deswegen bin ich auch Mentor für junge Journalistinnen und Journalisten. Die erzählen mir dann „ich bin schwarz, ich kam in eine Redaktion und der Ressortleiter hat mir ins Haar gefasst“. Und dann sag ich lass uns darüber reden. Und lass uns darüber reden wie wir dieser Person klarmachen, dass das nicht geht. Weil ab jetzt geht das nicht mehr. Und genau dieser Austausch, dieses gegenseitige Empowerment, ist superwichtig, genauso wie Allianzen zu bilden. Deswegen bin ich so stinkig auf weiße Feministinnen. Was Alice Schwarzer macht ist so dermaßen böse. Ich glaube von mir sagen zu können, ich bin ein größerer Feminist als diese Frau. Nach all dem, was sie für die Frauen hier in dieser Republik gemacht hat, ist das einfach unglaublich: Leute, Minderheiten und diskriminierte Gruppen gegen einander ausspielen. Meine Utopie ist nicht ‚wir sind alle gleich‘, sondern meine Utopie ist: lasst uns zusammen kommen und schauen, wie wir diese Ungleichheiten zusammen bekämpfen können. Und es funktioniert zum Beispiel in den USA ganz gut, wie beim ‚Women’s March‘. Natürlich kann man da auch viel kritisieren, aber es ist so divers. Black Lives Matter ist auch viel diverser. Wenn wir hier Black Lives Matter machen, dann wird uns gesagt „ach du alter Spalter. Wie kannst du nur. Du musst dich integrieren in das Ideal“. Und das ist in Deutschland wirklich unterentwickelt.

Ja, die Amis integrieren Rassismus und Antirassismus ja auch in ihre akademischen Diskurse.

Genau. Und natürlich, sie haben die orangene, rassistische Geschichte da im weißen Haus sitzen, ich will gar nicht sagen dass das ideal ist, aber wenigstens können die darüber sprechen. Sie haben eine ganz andere Sprache entwickelt um darüber zu sprechen. Leute wie Ta-Nehisi Coates, Teju Coles und James Baldwin haben wir hier gar nicht. Und wenn ich Frantz Fanon im Gespräch zitiere, den kennen die Leute hier nicht. Und das macht anter anderem die Schwierigkeit dieser Debatte in Deutschland aus, weil man sich hier so wenig auf andere stützen kann.

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