„Heimat existiert nur als Plural“

Gedanken zur globale°-Finissage mit Ilija Trojanow und Michael Stavarič

von Annemieke Kuper

13. November 2017, 19 Uhr. Draußen pfeift der kalte Novemberwind, drinnen, in der imposanten Oberen Rathaushalle des Bremer Rathauses, beginnt gerade die finale Veranstaltung der globale° 2017 mit dem Schriftsteller, Übersetzer und Verleger Ilija Trojanow und dem Schriftsteller und Übersetzer Michael Stavarič. Beide diskutieren heute Abend mit den Festivalleiterinnen Libuše Černá und Universitätsprofessorin Elisabeth Arend und Universitätsprofessor Axel Dunker über das zentrale Thema von Trojanows neuem Roman Nach der Flucht (2017): die Flucht und ihre allumfassenden Auswirkungen auf das Leben der Geflüchteten.

Als ich beginne, diese Reflexion zu verfassen, fällt mir wieder einmal auf, wie normal es mitunter in journalistischen Texten ist, bei der Nennung eines/einer Kunstschaf- fenden die zugehörige(n) Nationalität(en) zu nennen und die Person somit in einen Kontext nationaler Verankerung zu stellen. Bereits in diesem kleinen Aspekt finden sich für mich Dreh- und Angelpunkt des Gesprächs wieder: die Frage nach der Zu- gehörigkeit zu einer oder mehreren Nationalliteraturen und die damit in Zusammen- hang stehende Frage nach dem Heimat- bzw. Identitätsgefühl des Künstlers.

Wie sich schnell herauskristallisiert, vertreten beide Autoren ähnliche Meinungen, wenn es um Begriffe wie ‚Heimat‘ und ‚Zugehörigkeit‘ geht. Michael Stavarič, der in der tschechischen Stadt Brünn geboren wurde, zeigt sich amüsiert darüber, dass er – scheinbar willkürlich – mal als ‚österreichisch-tschechischer‘, dann wiederum als ‚tschechisch-österreichischer‘ Schriftsteller bezeichnet wird. Für ihn persönlich sei jedoch weder das Tschechische noch das Österreichische vorherrschend, eine Entscheidung für das eine oder das andere noch abwegiger. Der im bulgarischen Sofia geborene Ilija Trojanow, der in Deutschland, Kenia, Südafrika, Indien und Österreich lebt bzw. gelebt hat, pflichtet ihm bei: das Auswählen einer nationalen Zugehörigkeit lehne er ab, vielmehr schöpfe sich sein persönliches Selbstgefühl aus der Pluralität der beheimateten Orte. Getreu seiner Aussage in Nach der Flucht: „Heimat existiert nur als Plural“.

„LXIII.

Bei jeder Passkontrolle erlebt er, wie sehr der Staat dem Staatenlosen misstraut. Er ist eine Provokation für die feinsäuberliche Ordnung des Staates. Eigentlich darf es ihn nicht geben.“

Auch in seinem Roman Nach der Flucht (2017) thematisiert Trojanow den „Lebensmodus“ Flucht, dessen Erfahrung für den Schriftsteller, der als Kind mit seiner Familie aus Bulgarien flüchtete, noch heute nachwirkt. Nach der Flucht gliedert sich in zwei Teile: ‚Erster Teil (Von den Verstörungen)‘ und ‚Zweiter Teil (Von den Errettungen)‘. Der erste Teil setzt sich aus 99 Aphorismen zusammen, die in römischen Zahlen von I bis XCIX aufeinander folgen. Im zweiten Teil verläuft die Zählung rückwärts und in arabischen Zahlen von 99 bis 1. Hier scheint der Autor auch formal das Thema Flucht verdeutlichen zu wollen: die Aphorismen setzen sich nicht zu einem Erzählstrang zusammen, sondern dokumentieren thematisch ungeordnete Fluchterfahrungen in kaleidoskopischer Manier.

Insgesamt war es ein sehr gelungener Abschluss der diesjährigen globale° mit vielen anregenden Diskussionen und Gesprächen.

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