Djemaïs Abd el-Kader, oder die durch die Sprache gerettete Widerstandgeschichte Algeriens

Rezension von Laura Bindelli

 

Es regnet, als der algerische Emir Abd el-Kader und seine Gefährten ihr Land für immer verlassen müssen, im Hafen von Djemâa-Ghazaouët, während sie am, bis bislang unbekannten Mittelmeer stehen und an ihre Heimat denken. Algerien ist durch die damals mächtigste Kolonialmacht der Welt, Frankreich, erobert worden und es wird sich erst fast ein hundert Jahre später, am 5. Juli 1962, als die Unabhängigkeit von Algerien verkündet wird, von ihr befreien. Nach fünfzehn Jahren Widerstand begibt sich der Emir Abd el-Kader in die Gefangenschaft von General Lamorcière. Als Gegenleistung erbittet er, ins Exil nach Akkon gehen zu können. Der Herzog von Aumale, dem der Emir sein geliebtes Pferd geschenkt hatte, wird seinem Wort nicht treu bleiben und den Emir betrügen. Es ist der 24. Dezember 1847, es regnet und am nächsten Tag werden Abd el-Kader und seine Gefährten für immer ihr Land und den afrikanischen Kontinent an Bord der französischen Le Solon verlassen. Fünf Jahren später endet seine französische Gefangenschaft und Abd el-Kader begibt sich erst nach Anatolien und dann nach Syrien, wo er nach sechsunddreißig Jahren im Exil stirbt. Erst im Jahr 1966 wird seine sterbliche Hülle die Erde seiner verlorenen Heimat wieder berühren.

In seiner Erzählung, die auf Französisch zum fünfzigsten Jahrestag zum Ende des Krieges in Algerien erschien, gräbt Abdelkader Djemaï die Hülle des Emirs aus und erweckt ihn durch das poetische Wort wieder zum Leben. Um ihn, seine Gefährten und die Getöteten nie zu vergessen. Dank der Dokumente, Tagebücher, Briefe und Essays, die einer langen Recherchearbeit entstammen, erzählt Djemaï die Geschichte des Emir Abd el-Kader und seines Volkes, und ihre überwältigenden Versuche, frei zu bleiben, um die Gründung eines vereinigten, sozialorientierten und toleranten Staat verwirklichen zu können.

Der dokumentarische und gleichermaßen poetische Stil der Erzählung kreiert auf der einen Seite eine bewusst sachliche Wiedergabe historischer Ereignisse, anderseits eine epische, fast mythische Atmosphäre, in der die Erlebnisse des Emir und ihres Volkes destilliert sind, um exemplarisch zu werden. Durch das literarische Wort, das immer mit dem Gewicht des Schicksals und der Geschichte aufgeladen ist, macht Djemaï einen Raum auf, in dem er, nur für einen Augenblick lang, die Vergangenheit nochmal abspielen lässt. Durch die Figur des Emir Abd el-Kader zeigt Djemaï, was die Vergangenheit uns noch zu sagen hat: Ewig kehrt sie durch die Worte, durch das Erzählen zurück, um im Gedächtnis gepflegt und behalten werden zu können.

Die letzte Nacht des Emir ist dann nicht nur eine Hommage an Abd el-Kader, dessen Namen Abdelkader Djemaï trägt und der als Held des algerischen Widerstands angesehen ist. Das Buch von Djemaï ist vielmehr ein Versuch, die in der Vergangenheit begrabenen Menschen bzw. ihre Taten auf der Erde durch das Erzählen vor der Vergessenheit zu retten: denn, wie der Dichter und Freund des Emir Bachir el-Wahrani einmal sagte, „eine vergessene Erinnerung in diesem breitstirnigen Land mit den trockenen Lippen sei wie im Sand vergossenes Wasser, das man nicht mehr trinken könne“.

Die letzte Nacht des Emir, Abdelkader Djemaï, 2016, Sujet Verlag,139 Seiten, 19,80 €

 

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