„Im Abendland wächst die Unruhe“

Rezension von Mareike Dominique Grau

Jetzt stolpert das Paar in mein Dorf.“ Dort, wo Vigdis mit ihrem Ehemann hinfloh, besitzt Hertmans heute ein Ferienhaus. Von dort nimmt er den Leser mit auf die Reise durch Land und Zeit. Und lässt uns teilhaben am berührenden Schicksal einer Frau, die noch viel zu jung ist, um die Konsequenzen ihrer Entscheidungen begreifen zu können, und nicht ahnt wie sehr sich die geschichtlichen Ereignisse auf ihr Leben auswirken würden. Erst als sie mitten in einen Kreuzzug gerät, einen Pogrom miterleben muss und beinahe als Hexe verbrannt wird, erfährt sie, dass die religiöse Intoleranz der Christen ins Unermessliche gestiegen ist.

In seinem Roman „Die Fremde“ begibt Stefan Hertmans sich auf die Spurensuche nach der Christin Vigdis, die im 11. Jahrhundert lebte. Aufgrund ihrer Liebe zum Sohn eines Rabbis gibt sie ihr gutbürgerliches Leben auf und ist von da an stets auf der Flucht. Anhand von nur einem Dokument, das dem Autoren Eckpunkte aus dem Leben der Protagonistin an die Hand gibt, macht er sich auf die Suche nach ihrer Geschichte und schreibt, wie diese sich hätte zutragen können.

Der Autor springt fortwährend vom elften Jahrhundert zurück in das Hier und Jetzt mit seinen Gedanken, Beobachtungen und Recherchen zu der Protagonistin. Zunächst noch davon irritiert und immer wieder aus dem Lesefluss gerissen, hat mich die Form des Buches zunehmend in ihren Bann gezogen. Der Autor folgt dem Leben Vigdis nicht strikt chronologisch. Immer wieder springt er in Ausblicken und Rückblicken geschichtlich vor und zurück. So hängt das Schicksal der jungen Frau nicht im luftleeren Raum, sondern wird eingebettet in den Fluss der Geschichte. Dieses so gesponnene Netz verdichtet sich durch das Changieren zwischen den Zeiten, wenn der Autor die Landschaften und Orte auf Vigdis Reise von damals und heute vergleicht, und somit stets vor Augen führt, dass die Geschichte sich nicht irgendwo zugetragen hat, sondern an den Orten, zu denen wir auch heute noch reisen können. Er zeigt uns die Geschichte der Orte. Die Dinge, die wir nicht sehen, weil nur noch kaum oder keine Spuren mehr von früher zu sehen sind. Auch in den Erzählpassagen über die Protagonistin schaltet sich der Erzähler immer wieder reflektierend ein. So wird die Protagonistin samt ihrer Handlungen immer wieder in die entsprechende Zeit mit den damaligen Verhaltensweisen der Gesellschaft, und in ihre Denkstrukturen eingeordnet. Detailliert beschreibt Hertmans Kleidung, Essen und Landschaft. Mitunter holt er die Protagonistin auch zu uns – „Ihr Äußeres erscheint leicht vergeistigt, heute wäre sie eine Frau mit einem intellektuellen Beruf oder eine Diva des Independent Cinema“. Und so fühlte ich mich mittendrin, zwischen Autor und Protagonistin, mit beiden auf einer packenden und zu Tränen rührenden Reise.

Und schlägt man das Buch zu, befindet man sich direkt wieder mittendrin: Flucht. Intoleranz. Die Suche nach Sündenböcken. Und auch wenn die Worte nicht die gleichen wie damals sind, so hallt ihr Echo doch auch in unserer Zeit weiter…

Die Fremde, Stefan Hertmans, 2017, Hanser Berlin im Carl Hanser Verlag München 2017, 303 Seiten, 23 Euro

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