Flucht als Moment vollkommener Kontextlosigkeit

Rezension von Laura Marie Sturtz

Olga Grjasnowas Roman Gott ist nicht schüchtern erzählt die Geschichte von Hammoudi und Amal im Damaskus der Revolution. Er ist Arzt in Paris, doch kann nicht dorthin zurück, weil die syrischen Behörden sich weigern, seinen Pass zu verlängern, sie ist Schauspielerin und studiert an einem renommierten Institut. Mit klaren Worten, die intimste Momente greifbar machen, entfaltet Grjasnowa das Leben zweier junger Menschen, ein Gegenüber, dessen Schicksal man sich nicht entziehen kann, weil es so vieles spiegelt: Wünsche, Träume, emotionale Bindungen und eine hoffnungsvolle Zukunft. Doch in Damaskus manifestiert sich die steigende Beklemmung in der Gewalt und Überwachung durch das Regime. Hammoudi und Amal nehmen an den Demonstrationen der syrischen Revolution teil, immer mehr verwebt sich das Politische mit dem Privaten, bis schließlich das Private unmöglich wird. Amal wird festgenommen, und muss sich entschließen zu fliehen. Hammoudi bleibt in Damaskus, das von Krieg und Bomben zerstört wird und leitet dort ein provisorisches Krankenhaus, bis auch er die Stadt verlassen und, wie Amal, das Mittelmeer überqueren wird.

In diesem Roman erscheint Flucht als Moment vollkommener Kontextlosigkeit: Die Bezüge, die das Leben ausmachen, lösen sich auf. Flucht erscheint als Leerraum, als Nicht-Ort. Fast unmerklich wird man von dem Moment des Fliehen-Müssens erfasst, wenn sich der Wechsel vollzieht, von der Geschichte zwei junger Menschen hin zu einer Geschichte von Krieg und Bomben, Schlauchbooten und sinkenden Frachtern. Dabei werden die Bilder von Flucht in den Köpfen mit dem Schicksal der Figuren aus dem Roman mit Nähe gefüllt. Grjasnowas Roman macht demütig. So groß ist das Identifikationspotential mit den Figuren, dass man sich fast fragt, was einen denn nun genau von ihnen unterscheidet – deshalb ist es gerade nicht möglich, sich dem Schrecken der Szenerien zu entziehen. Hierin liegt auch die Wichtigkeit dieses Romans, denn er zeigt: Flucht ist nichts abstraktes, Flucht ist ein menschliches Schicksal, dessen Kontextlosigkeit eine unfassbare Verlorenheit hinterlässt. Diese Verlorenheit ist es, welche sich in den Worten Amals ausdrückt, als sie endlich in Berlin angekommen sind: „Amal sieht den Frauen auf der Straße nach. Frauen auf Fahrrädern, Frauen mit Kinderwagen, Frauen, die vor Schaufenstern stehenbleiben. Plötzlich wird Amal bewusst, dass sie nicht mehr dazugehört. Niemand beachtet sie mehr. Wo ist ihr Haus, ihre Karriere? Und ihre Straße, die immer nach Jasmin roch? Die Welt hat eine neue Rasse erfunden, die der Flüchtlinge, Refugees, Muslime oder Newcomer. Die Herablassung ist mit jedem Atemzug spürbar.“ Es ist eine Verlorenheit, die nach der letzten Seite dieses Romans bleibt und die hervorhebt, wie wichtig es ist, literarisch die Geschehnisse unserer Zeit auf einer menschlichen Ebene zu verhandeln.

Gott ist nicht schüchtern, Olga Grjasnowa, 2017, aufbau Verlag, 309 Seiten, 22,00 Euro

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