Nedim Gürsel – 50 Jahre Schreiben

Von Elisabeth Arend

Unter dem Titel „50 ans d’écriture“ – „50 Jahre Schreiben“ hat das Institut francais Istanbul Anfang Oktober Nedim Gürsel geehrt, einen der wichtigsten türkischen Autoren weltliterarischen Zuschnitts, der seit dem Militärputsch 1980 im Pariser Exil lebt. Angesichts der jüngsten Maßnahmen der türkischen Regierung gegen Presse, Intellektuelle und politische Gegner der Nomenklatura ist diese Veranstaltung bemerkenswert. Erst recht gilt dies für die Ehrung eines Autors, der in Europa zahlreiche Preise für sein Werk erhalten hat, ebenso wie in der Türkei, wo er aber auch der Verunglimpfung von Militär, Staat und Religion beschuldigt worden ist.
Noch als Schüler hat Nedim Gürsel (*1951 in Anatolien) seinen ersten Text in einer Zeitschrift publiziert – 1966 und auf Türkisch. Französisch lernte er, aus einer wohl situierten und frankophilen Familie stammend, auf dem frz. Gymnasium in Istanbul. Mehr als vierzig Texte hat Nedim Gürsel seitdem veröffentlicht, in Türkisch und Französisch. Immer wieder kommt er darin auf die Stadt am Bosporus zu sprechen, erkundet ihre Geschichte und Besonderheiten, beschreibt und kritisiert Gegenwärtiges und preist ihre Schönheit, mit Inbrunst und Melancholie.
Dabei ist die Melancholie durchaus nicht das einzige Charakteristikum von Gürsels literarischem Schaffen: Mit Der Eroberer (dt. 1998 ff.; frz. 1996; türk. Original 1995) ist er weit in die Geschichte des Osmanischen Reichs zurückgegangen. Dieser historische Roman, der sich aus der Schilderung der Schaffenskrise eines älteren Autors heraus entwickelt, führt seine Leser*innen in eine durch Multikulturalität reiche Kultur, zeigt jedoch auch Konkurrenz und Konflikte. Die historische Ebene leuchtet die Jahre um 1452 aus, mit der Belagerung und Eroberung des damals christlichen Konstantinopels durch die Osmanen, Mehmet II. im Zentrum.
Zwar hat auch Allahs Töchter (dt. 2012; frz. 2009; türk. Original 2008) eine historische Folie, die Intention dieses Textes ist in ihrer historischen, politischen wie literarischen Auseinandersetzung mit der Stellung der Frau im Islam jedoch deutlich kritischer. Aus diesem ebenfalls von Barb ara Yurtdas ins Deutsche übersetzten Buch werden ebenfalls einige Passagen in der Bremer Lesung zu hören sein.
Le fils du capitaine ist ein komplexes Buch, das, wie auch viele frühere Texte Nedim Gürsels, verschiedene Zeitebenen in einander verwebt: Es erzählt die Geschichte eines Jungen. Dessen Mutter stirbt früh und er wächst zwischen einer aus einer osmanischen Familie stammenden Großmutter und einem autoritären Vater auf. Dem Alkohol, Liebschaften und militärischem Drill ist dieser mehr zugeneigt als seinem Sohn, der in einem Internat in Galatasaray groß wird. Die Schilderung des Lebens dort trägt autobiographische Züge. Sie oszilliert zwischen Kritik am autoritären System und humorvoll distanziert geschilderten Episoden, so etwa der des Besuchs, mit dem Charles de Gaulle seinerzeit dieses Elitegymnasium beehrte. Zugleich wirft der Roman einen kritischen Blick auf die politische Situation der Aktualität und seinen „Moustache en Amande“ (dt. „Mandelschnauzbart“) betitelten Premierminister. Die gesamte Geschichte ist aus der Sicht eines alternden Journalisten erzählt, der sein Leben Revue passieren lässt. Diese Konstruktion erlaubt es Gürsel, Geschichte, Politik und Autobiographisches in einen narrativen Zusammenhang zu bringen und dabei der Entwicklung einzelner Erzählstränge alle Freiheiten zu lassen.
Nedim Gürsel wird am Samstag, den 5. November in Bremen zu Gast sein, um im Rahmen von globale° 2016 seinen jüngsten Roman Le fils du capitaine (Ed. du Seuil 2016, türk. Original 2014) vorzustellen. globale°, das Institut francais und das Kulturforum Türkei veranstalten diese mehrfach grenzüberschreitende Lesung gemeinsam. Die erste Grenzüberschreitung findet man bei dem Autor selbst, der sich als „écrivain turc à Paris“ bezeichnet. Weiterhin wird die Veranstaltung zwischen drei Sprachen navigieren – Französisch, Deutsch sowie Türkisch. Dank der Anwesenheit von Nedim
Gürsels deutscher Übersetzerin, Barbara Yurtdas, werden auch deutschsprachige Auszüge aus der beim Kölner Dumont-Verlag in Vorbereitung befindlichen Übersetzung des Romans, der unter dem Titel Der Sohn des Hauptmanns im kommenden Jahr erscheinen wird, zu hören sein. Auszüge aus Allahs Töchter werden den Lektüreabend abrunden.

>> zur Lesung mit Nedim Gürsel

Bremen, 2.11.2016

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