Roland Brival: Nègre de personne

Eine Rezension von Elisabeth Arend

Wer kennt hierzulande Léon-Gontran Damas ? Wohl kaum jemand. Schon eher seine Weggefährten, die Dichter-Politiker Aimé Césaire und Léopold Sédar Senghor. Warum also macht der auf Martinique geborene und in Paris lebende französische Autor Roland Brival ausgerechnet diesen Damas zur Hauptfigur seines neuesten Romans und wer ist Damas?  Der aus Französisch-Guyana stammende Damas (1912-1978) studierte in den 1930er Jahren in Paris und hatte zu dem Zeitpunkt, wo die Romanhandlung einsetzt, gerade seinen ersten Gedichtband unter dem programmatischen Titel „Pigments“ (1937) veröffentlicht. Nächtelang diskutierte er mit seinen berühmten Freunden, die wie er aus französischen Kolonialgebieten stammten, aus Afrika und der Karibik, über die Situation der schwarzen Studenten im „Mutterland“, über Rassismus und immer wieder auch über Poesie und Kunst – es war die Zeit des Surrealismus. Auf diesem Nährboden entstand die sog. négritude-Bewegung, die erste große Artikulation schwarzer Identität im frankophonen Raum.

Der Roman erzählt von Damas‘ Reise nach New York und davon, wie dieser mit dem gnadenlosen System der Rassentrennung, mit Armut und Kriminalität konfrontiert wird. Vor allem aber zeigt er seine Hauptfigur auf seinen Streifzügen durch die brodelnde schwarze Kunst-Szene Harlems mit ihren verqualmten Jazz-Lokalen – Alkohol und Drogen gehörten zu diesem Lebensgefühl. „Frenchie“ kommt mit den wichtigsten Vertretern der amerikanischen Kunstszene, die ein elementarer Teil der Schwarzen-Befreiungsbewegung gewesen ist, der sog. Harlem-Renaissance  in Kontakt. Er lernt deren politische  Kontroversen und Konflikte kennen und erlebt eine leidenschaftliche Liebesgeschichte mit einer schwarzen Malerin. Seine Rückkehr nach Paris angesichts des aufziehenden Kriegs gleicht einer Flucht vor zu intensivem Leben.

Brivals Roman ist zuerst eine romanhafte Biographie und lässt eine bislang im Schatten stehende Figur der Geschichte der frankophonen Literaturen, insbesondere aber der schwarzen Befreiungsbewegung hervortreten. Hinter dem Interesse am Biographischen wird Brivals politisches Projekt sichtbar: Der Roman schreibt gegen alle Formen von Rassismus an und ist eine Hommage an die schwarzen Befreiungsbewegungen insgesamt. Auf der einen Seite zeigt er deren transnationale Vernetzungen, indem er die Anbahnung des Kontakts zwischen der Pariser und der US-amerikanischen Bewegung nachzeichnet. Auf der anderen Seite betont er die Unterschiede zwischen Paris und New York hinsichtlich der Situation der Schwarzen: In Paris hatte Damas den alltäglichen Rassismus in vielerlei Gestalt kennengelernt. Die in den USA praktizierte Segregation von Schwarzen und Weißen erlebte er als skandalöse Steigerung, ohne dass er dadurch politisch radikalisiert worden wäre. So bleibt der von Brival gezeichnete Damas brüchig, ein junger Mann, ebenso neugierig und sensibel wie inkonsequent. Der Verzicht, seine Hauptfigur als heldenhafte Lichtgestalt zu stilisieren, macht den Roman glaubhaft. Dies gilt auch für die narrative Konstruktion: Der Roman ist als (fiktiver) Reisebericht, dessen Adressat Aimé Césaire ist, geschrieben. Damit wird über die Form gezeigt, dass Damas zwar eigene Wege geht, in Freundschaft und Bewunderung jedoch an Césaire und Senghor, die beiden großen Gestalten der négritude-Bewegung gebunden bleibt. Während diese, wenn auch mit durchaus unterschiedlichen Akzenten, die Behauptung schwarzer Identität mit einer Hin- bzw. Rückwendung nach Afrika verknüpften, setzt Damas weißen wie schwarzen Absolutheitsansprüchen die ungleich modernere Vision der „métissage“, einer von Kreuzungen, Mischungen und Hybridität bestimmten Welt entgegen.

Die Schwierigkeit, aus einer historischen Person eine plastische literarische Figur zu machen und diese durch viele Begegnungen mit berühmten Zeitgenossen der New Yorker Black Community zu schicken, hat Roland Brival in seinem Roman elegant gemeistert und lässt dabei eine ganze Epoche neu entstehen.

New York ist der Autor aber auch darüber hinaus verbunden: Er hat einige Jahre dort gelebt und viel Atmosphärisches in seinen Gedichten, Songtexten und Jazz-Songs eingefangen. Am 11.11. wird er sich im Institut Francais und am 12.11. im Auswandererhaus in Bremerhaven nicht nur als Romancier im Rahmen der Cafés littéraires, sondern auch als Sänger von New York-Songs vorstellen. Am Klavier wird er von Nicolai Thein begleitet, der in Bremen als Pianist kein Unbekannter ist und der sich spontan auf das musikalische Abenteuer des Improvisierens mit Roland Brival eingelassen hat.

Roland Brival: Nègre de personne, Gallimard, 2016

 

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