Der Elefant im Raum ist eine Pyramide im Garten

Rezension zu Rasha Khayats Roman „Weil wir längst woanders sind“

Von Lea Sophie Birke

In der englischen Sprache gibt es diese schöne Redewendung des „elephant in the room“ – des Elefanten im Raum. Dieser Elefant steht für unübersehbare Dinge, die jedoch niemand sehen will. Wie oft weigern wir uns, Dinge zu sehen, die sich uns beinahe penetrant aufzwingen, gehen von unser eigenen Ansicht als Universalmeinung aus und erwarten von unseren Mitmenschen, genauso zu denken wie wir. Wir haben gewisse Schemen so verinnerlicht, dass sie zur Selbstverständlichkeit werden, zur pauschalen Norm, zum Reglement. So wie die Sache mit Saudi-Arabien. Aus Saudi-Arabien wandert man aus. Dahin zieht man nicht.

Mit ihrem Debütroman Weil wir längst woanders sind reißt die Autorin Rasha Khayat diesem Vorurteil gewaltsam den Boden unter den Füßen weg und lässt uns als Leser unangenehm ertappt zurück, da wir ja doch unwillkürlich die Gründe für diese ungewöhnliche Richtung hinterfragen. Für die Entscheidung der jungen Layla, aus Hamburg zurückzugehen nach Jeddah, in eine Stadt, in der sie weder Auto fahren noch unverschleiert auf die Straße gehen darf.

Genauso wenig wie wir versteht es Khayats Erzähler Basil. Von Kindesbeinen an sind er und seine jüngere Schwester Layla unzertrennlich, in ihren ersten Jahren in der saudi-arabischen Heimat, später in der neuen deutschen. Sie wachsen in einem liberalen Elternhaus zu unabhängigen, freiheitsliebenden jungen Menschen heran. Jahre später ist dieses kleine Mädchen, modern, nicht religiös und mit ihrem ganz eigenen Kopf, zurück in Jeddah, um dort zu heiraten.

Wie es dazu kommen konnte, versuchen wir gemeinsam mit Basil zu verstehen, indem wir mit ihm die Reise zu ihrer Hochzeit antreten. Dabei stellen wir uns bisweilen die Frage, ob Basil es nicht hätte kommen sehen müssen, da doch sein eigenes Leben geprägt ist von ständiger bewusster und unbewusster Suche, ohne dass er tatsächlich einmal irgendwo ankommt. Es mag eine Art Verdrängung sein, nicht zu sehen, wie unwohl sich seine Schwester in einem Land fühlt, in dem ihre Mitmenschen sie als „mysteriöse Wüstenprinzessin mit Pyramide im Garten“ und seit dem 11. September als Terroristin sehen. Dass gerade das Bikulturelle, die sogenannte Bindestrich-Identität – weil man ja allem einen Stempel aufdrücken muss – eine gewaltige Belastung sein kann, die unzählige Vorurteile und schiefe Blicke mit sich bringt.

Es ist eine gespiegelte Migrationsgeschichte und doch viel mehr als nur das. Denn Khayat pauschalisiert nicht, erschafft keine fiktiven Stellvertreter für eine spezielle Gruppe, sondern zwei Individuen, greift nur eine von vielen möglichen Geschichten heraus, ein winziges Puzzleteil einer komplexen Thematik, das zeigt, wie unterschiedlich Migrationsgeschichten doch sein können.

Auf seiner Suche wandert Basil durch mit verschiedensten Gefühlen und Konnotationen aufgeladene Räume und während er sein geographisches Ziel kennt, bleibt ihm das symbolische Ziel seiner Reise lange verwehrt. Er muss sich mit der Frage auseinandersetzen, was Heimat bedeutet und wie wichtig es überhaupt ist, die Antwort darauf zu kennen. Vielmehr geht es hier um Suchen ohne Ankommen, um Entfremdung, gar Entortung und eine Sehnsucht nach Zugehörigkeit, während die Geschwister sowohl physisch als auch psychisch auseinanderdriften und auf ganz unterschiedliche Weise versuchen, damit umzugehen.

Und wenn es einen Appell an uns Leser gibt, dann steckt er genau darin: Manchmal gibt es eben mehr als nur die eine, vertraute Möglichkeit. Das lernen wir, indem wir durch Basils Augen sehen, uns in ihn hineinversetzen und uns trotz seiner subjektiven Beschreibungen eine eigene Meinung bilden können, gerade weil der Roman beinahe ohne Klischees und Pauschalisierungen auskommt. Die wenigen, die es gibt, werden radikal auf den Kopf gestellt. Khayat lässt ihren Erzähler viel beschreiben und gibt doch nie zu viel vor – der eigentliche Konflikt und der Rattenschwanz, den er hinter sich herzieht, entsteht vor unserem inneren Auge, auf unserer ganz eigenen Weltkarte. Und das ist wichtig. Denn nur so erkennen wir, wie oft wir selbst zuallererst die Pyramide im Garten sehen und uns in stereotypen Zuschreibungen verfangen, bevor wir weiteren Perspektiven eine Chance geben. Basils Elefant, also das Offensichtliche, das er sich vehement zu sehen weigert, ist Laylas Gefühl der Fremdheit in Deutschland, ihre Reaktion auf die durch die Pyramide im Garten symbolisierten Vorurteile.

Währenddessen ist es bei uns doch viel zu oft genau andersherum: Wir sehen Dinge, die gar nicht da sind, Klischees, die uns die Sicht auf die wirklich wichtigen Dinge versperren, die dieses Buch trotz seines bekannten Themas so wunderschön frisch beschreibt. Deshalb sollte sich auch jeder einmal mit dieser Thematik beschäftigen, ja mit seinem eigenen Elefanten konfrontiert werden. Ein Muss.

Rasha Khayat, Weil wir längst woanders sind, Dumont, 2016, 192 Seiten, gebunden, 19,99€

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