Über kaputte Nächte in Berlin, Alter!

Kat Kaufmanns Debüt „Superposition“ lässt hippe Bohème-Existenzen zu Wort kommen, die nichts Neues sagen

Von Wenke Bruchmüller

Wodka, saure Gurken, Pelmeni – Izy Lewin, die 26-jährige Protagonistin von Kat Kaufmanns Debütroman, ist Kontingentflüchtling russisch-jüdischer Abstammung, Wahlberlinern, Komponistin aus Leidenschaft und Jazzpianistin aus Geldnot. Sie ist abgebrüht, schlank, hübsch und das sogar in Jogginghosen; eine archetypische Powerfrau, doch manchmal geht die Power etwas mit ihr durch. Auf einer illustren russischen Geburtstagsparty, soll „jede einzelne Synapse Izys besoffen in der Ecke liegen“, was ihr dann auch glatt gelingt. Izy mischt nicht gerne Gebranntes mit Gegorenem, isst nichts, streut hier und da gern ein paar Prisen Russisch oder Englisch in Sätze, während sämtliche Freunde alle möglichen Drogen konsumieren. Im Kern von Kaufmanns Debüt steht also Izy. Und was noch?

Kaufmann berichtet von Izys Suche nach einem Gefühl von Heimat, das es als Ort und als Staat in einer postsowjetischen Welt nicht mehr gibt, sondern allenfalls noch in Personen oder in Mutters „Checkpoint Kühlschrank“ in Borscht- oder Pelmeni-Gerichten zu ergründen ist. So fragt sich Izy in Passagen, die aufgrund ihrer existentiellen Kraft herausragen, was Heimat eigentlich ist und „aus was das Ich denn eigentlich gemacht ist?“ Auch wenn Izy selten Antworten auf diese großen Fragen liefert, macht sich hier eine Verletzlichkeit bemerkbar, die also doch neben aller Coolness zu Momenten von Einsamkeit führt. Diese Einsamkeit versucht Izy dann mit noch mehr Wodka und mit noch mehr Timur zu ersticken. Timur riecht nach Zuhause, ist der „Wolf, mit dem Izy den Mond anjault“, mit dem sie sich „Arm in Arm zu alten Jazzplatten unter dem Tisch“ besäuft. Doch auch Timur ist nicht Festes, sondern hat eine Freundin, die er nicht verlassen möchte.

Ähnlich vage verhält es sich mit der Darstellung von Raum und Zeit in Kaufmanns „Superposition.“ Izy bewegt sich in einem nebelhaften Etwas, in dem Kindheitserinnerungen aus der Vergangenheit mit dem Hier und Jetzt verschwimmen, wodurch die Handlung zurücktritt. So stehen Erinnerungen an Izys Leben „in einer verrottenden Baracke“, dem Asylbewerberheim, in dem sie mit Mutter und Vater nach Ankunft in Deutschland lebte, neben Augenblicken der Erzählgegenwart. In den Erinnerungen macht sich stets abermals eine verwundbare Seite Izys bemerkbar, die in der Schule als „Russki Barackenkind“ gehänselt wurde oder über ihre „Bringpflicht“ gegenüber ihren Eltern nachdenkt, „die für sie alles verlassen haben.“

Doch über negative, private Gefühle, „so Kram,“ spricht Izy nicht gerne offline. Kaufmann trifft hier den Nerv der Zeit, wenn sie Izy als Figur konstruiert, die unter Dauerbeschuss von Facebook steht und sich dort wehleidig für tot erklärt, jedoch nicht mit Freunden darüber sprechen kann. Diese Medien reflektierende Haltung gefällt. Pling.

Kaufmanns Stärke liegt im Mut zur knallharten, rotzigen Sprache, die Izys Lifestyle und ihren Blick auf die Dinge beschreibt und so die Figur Izy charakterisiert. Jedoch hält der Leser die forsche, herablassende Verachtung mittelmäßiger Menschen, die nicht – wie Izy – knackig, jung oder schlank sind, nicht lange aus. So wird die Tresenkraft auf der russischen Geburtstagsparty plötzlich „die Dicke“ oder die Kaffeesatzleserin aus dem Sozialbau zum „Bär“ mit „einer dicken Fettschicht.“  Auch vor inneren Vorurteilen macht Izy keinen Halt, wenn sie Obdachlosen unterstellt, „lieber aus gebückter Haltung bettelnd den Arm nach oben zu den Arschgefickten“ zu halten anstatt ihr teures Lafayette-Essen anzunehmen. Selbst vor politischer Inkorrektheit scheut Izy nicht, wenn sie Rumänen, die in der S-Bahn Musik spielen, als „Zigeuner“ betitelt. Zwar folgt im Anschluss dann ein diplomatisches „ich bin eine von euch“, doch den Unterschied zwischen degradierender Selbstbeschreibung und selbsterhöhender Beschreibungsmacht sollte ein Kontingentflüchtling mit „MigrationsVORDERGRUND“ verstehen.

Bleibt also zu fragen, wo in der Sprache und in Izys Figurenkonzeption der Mehrwert liegt? Kaufmann nutzt Ironie, doch dies nicht konsequent genug. Gut sind Stellen, in denen Izy das Theaterstück, für das sie komponiert, beschreibt. In dem „sich die Tänzer in Kunstblut wälzen und ekstatisch irgendwas von Vereinigung schreien.“ Auch seltene Momente der Selbstironie überzeugen, etwa wenn eine sturzbetrunkene Izy ihren nicht funktionierenden Verdrängungs-Plan für gescheitert erklärt. Merkwürdig widersprüchlich ist es allerdings, wenn Izy Vorurteile bissig verachtet, mit denen sie als Person überschüttet wird, selbst dann jedoch genau das gleiche tut: Andere Leute nach Oberflächigkeiten zu kategorisieren.

Zeitweilig schafft es „Superposition“ durch die formulierte Medienkritik und Selbstironie einen subversiven, thematischen Mehrwert herzustellen. Dieser zerbröselt jedoch zu oft durch Vorurteils-Denken und ironiefreie Angst, nicht cool zu sein.

Kat Kaufmann: „Superposition“. Roman, Hoffmann & Campe. 270 Seiten. 20 Euro.

 

 

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