Ein Bild der Flucht und ihrer Folgen, gezeichnet mit den Farben der Sprache

Rezension zu Senthuran Varatharajahs Roman „Vor der Zunahme der Zeichen“

Von Lea Sophie Birke

 Am Anfang war der Zufall. Ein Zeichen zwischen Tausenden, die Anzeige „Personen, die du vielleicht kennst“ bei Facebook. So lernen sie sich kennen, Valmira, Studentin in Marburg, und Senthil, Doktorand in Berlin, die erkennen, wie sehr ihre Schicksale einander ähneln.

Vor der Zunahme der Zeichen ist der Debütroman des Autors Senthuran Varatharajah, dessen Familie in den achtziger Jahren vor dem Völkermord an den Tamilen aus Sri Lanka nach Deutschland floh. Der Roman spiegelt die Brüche in den Biografien der Protagonisten wieder und markiert den Einfluss des Autors, der nicht allein durch die eigene Geschichte und die unzähligen Zitate aus der Philosophie hinter all den Zeichen erkennbar bleibt. Es ist ein Buch über Flucht, aus Sri Lanka und dem Kosovo, das doch zu keinem Zeitpunkt in eine reine Beschreibung der Bewegung und des Ankommens im neuen Land verfällt.

In einer Samstagnacht um 03.24 Uhr beginnt ein Gespräch bei Facebook, das durch seine Inhalte und seine beeindruckend philosophische Sprache dem Alltag kaum ferner sein könnte. Mal blumig, mal sperrig, mal subtil, aber immer voll Poesie und bedrückender Klarheit versuchen die beiden Figuren, ihre Geschichte und die ihrer Eltern aufzuarbeiten und mit den begrenzten Möglichkeiten der fremden und doch so vertrauten Sprache zu begreifen, wie traumatische Ereignisse über die Generationen weitergegeben werden.

Varatharajah zeichnet zwei facettenreiche Figuren, die nur in der Anonymität und Heimatlosigkeit des virtuellen Raumes bestechend ehrlich sein können. Sie erzählen einander Anekdoten und traumatische Erlebnisse, verbergen sie hinter eindringlichen Bildern, Metaphern, Allegorien, Bibelzitaten. Eine chronologische Handlung gibt es nicht, vielmehr eine Sammlung aus Zeichen, Einfällen und Geschichten, die zu einem eng verdichteten Netz gestrickt werden. Dabei sind die im Titel genannten Zeichen auf vielfältige Weise zu deuten. Es geht hier auch um die Grenzen der Sprache und die Grenzen des Verstehens – Kollisionen sind dabei nicht zu vermeiden, sondern gewollt.

Die schmerzhafte Ehrlichkeit und Intensität, mit der erzählt wird, ist gerade dadurch so wirkungsvoll, dass sie zu keinem Zeitpunkt vollkommen begriffen werden kann: Valmira und Senthil schwelgen nicht in Emotionen, romantisieren nicht, klagen nicht an. Die Traumata, die ihnen widerfahren sind, sind ergreifend gerade durch ihre nüchterne Darstellung. Sie werden in solch einer Resignation präsentiert, dass man bisweilen in eine ähnliche Resignation verfällt. Besonders in ihrer Komplexität ist die Thematik aktuell so wichtig. In hochreflektierter Sprache betrachtet, geht sie weit über schnelllebige Diskussionen zu Flucht, Integration oder Rassismus hinaus. Das Buch ist der sehr gelungene Versuch, mit den Mitteln der Sprache eine komplexe Geschichte aufzuarbeiten und brüchige Identitäten zu erfassen. Ein eng verdichteter Roman mit einer bestechenden Weltsicht und einem erschütternden Nachhall, dem sich niemand entziehen darf. Es ist Freitag, 07.16 Uhr.

Senthuran Varatharajah, Vor der Zunahme der Zeichen, S. Fischer, 2016, 256 Seiten, gebunden, 19,99€

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s