Jeder Mensch hat das Recht anonym zu sein.

Rezension zu Aris Fioretos Roman „Mary“ Von Stefanie Jahn Was wäre, wenn Sie bei einer Studentenrevolte gegen die herrschende Militärdiktatur dabei wären, die Situation eskaliert und Sie von dort fliehen müssen? Was wäre, wenn Sie in ein Taxi steigen, was gar kein Taxi ist, sondern ein als Taxi getarntes Fahrzeug der Geheimpolizei, welches Sie beim Gefängnis abliefert, weil Sie verdächtigt werden, die Köpfe der Studentenrevolte zu kennen und dies der Grund ist, warum Sie nicht nach Hause, sondern ins Gefängnis gebracht werden? Was wäre, wenn dies am Tag passiert, an dem Sie erfahren, dass Sie schwanger sind? Und was wäre, … Jeder Mensch hat das Recht anonym zu sein. weiterlesen

Doan Bui: Le silence de mon père

Eine Rezension von Elsiabeth Arend Was wissen wir über unsere Eltern? Viele Menschen stellen sich irgendwann diese Frage, meist erst spät und oft zu spät. In Doan Buis Romanerstling geht es genau darum. Der Vater der Ich-Erzählerin erleidet einen Schlaganfall; Sprach- und Bewegungszentrum sind betroffen – an den Rollstuhl gefesselt bleibt er für den Rest seines Lebens sprachlos. Diese Sprachlosigkeit treibt die Erzählerin um, sie verdeutlicht ihr, dass der Vater auch in den Zeiten, in denen er noch über seine Sprache verfügte, für sie ein Unbekannter geblieben ist. Da sie von ihm keine Antwort auf ihre Fragen mehr erhalten kann, … Doan Bui: Le silence de mon père weiterlesen

Der Elefant im Raum ist eine Pyramide im Garten

Rezension zu Rasha Khayats Roman „Weil wir längst woanders sind“ Von Lea Sophie Birke In der englischen Sprache gibt es diese schöne Redewendung des „elephant in the room“ – des Elefanten im Raum. Dieser Elefant steht für unübersehbare Dinge, die jedoch niemand sehen will. Wie oft weigern wir uns, Dinge zu sehen, die sich uns beinahe penetrant aufzwingen, gehen von unser eigenen Ansicht als Universalmeinung aus und erwarten von unseren Mitmenschen, genauso zu denken wie wir. Wir haben gewisse Schemen so verinnerlicht, dass sie zur Selbstverständlichkeit werden, zur pauschalen Norm, zum Reglement. So wie die Sache mit Saudi-Arabien. Aus Saudi-Arabien … Der Elefant im Raum ist eine Pyramide im Garten weiterlesen

Roland Brival: Nègre de personne

Eine Rezension von Elisabeth Arend Wer kennt hierzulande Léon-Gontran Damas ? Wohl kaum jemand. Schon eher seine Weggefährten, die Dichter-Politiker Aimé Césaire und Léopold Sédar Senghor. Warum also macht der auf Martinique geborene und in Paris lebende französische Autor Roland Brival ausgerechnet diesen Damas zur Hauptfigur seines neuesten Romans und wer ist Damas?  Der aus Französisch-Guyana stammende Damas (1912-1978) studierte in den 1930er Jahren in Paris und hatte zu dem Zeitpunkt, wo die Romanhandlung einsetzt, gerade seinen ersten Gedichtband unter dem programmatischen Titel „Pigments“ (1937) veröffentlicht. Nächtelang diskutierte er mit seinen berühmten Freunden, die wie er aus französischen Kolonialgebieten stammten, … Roland Brival: Nègre de personne weiterlesen

Über kaputte Nächte in Berlin, Alter!

Kat Kaufmanns Debüt „Superposition“ lässt hippe Bohème-Existenzen zu Wort kommen, die nichts Neues sagen Von Wenke Bruchmüller Wodka, saure Gurken, Pelmeni – Izy Lewin, die 26-jährige Protagonistin von Kat Kaufmanns Debütroman, ist Kontingentflüchtling russisch-jüdischer Abstammung, Wahlberlinern, Komponistin aus Leidenschaft und Jazzpianistin aus Geldnot. Sie ist abgebrüht, schlank, hübsch und das sogar in Jogginghosen; eine archetypische Powerfrau, doch manchmal geht die Power etwas mit ihr durch. Auf einer illustren russischen Geburtstagsparty, soll „jede einzelne Synapse Izys besoffen in der Ecke liegen“, was ihr dann auch glatt gelingt. Izy mischt nicht gerne Gebranntes mit Gegorenem, isst nichts, streut hier und da gern … Über kaputte Nächte in Berlin, Alter! weiterlesen

Karnevalsstriptease der anderen Art

Rezension zu Ales Štegers Roman Archiv der toten Seelen Von Laura Volk Na zdrávje und Helau heißt es in Ales Štegers Roman Archiv der toten Seelen, dessen Handlung im Rahmen des Programms zur Kulturhauptstadt 2012 in der slowenischen Stadt Maribor angesiedelt ist. Die beiden Protagonisten der Erzählung, der asketische Ex-Scientologe Adam Bely und die cyborgartige Rosa Portero, halten sich zur Karnevalswoche in diesem verkleideten kulturellen Zentrum auf. Hier wollen sie, wie sie angeben, Interviews für eine ORF-Reportage über die Kulturhauptstadt 2012 mit Verantwortlichen führen. Bei den journalistischen Absichten handelt es sich selbstverständlich nur um Maskerade. Tatsächlich haben sich die Protagonisten dem … Karnevalsstriptease der anderen Art weiterlesen

„Wie billige Produkte aus dem Ausland, die man bei Aldi und Lidl kaufen kann“

Rezension zu Abbas Khiders Roman „Ohrfeige“ Von Wenke Bruchmüller Und „Hast du dir eine Geschichte einfallen lassen?“ – Diese Frage beschäftigt Karim Mensy, Protagonist von Abbas Khiders viertem Roman, neben dem Durchlaufen von Asylbewerberheimen und den Mühlen deutscher bürokratischer Apparate. Aus dem Irak flieht Karim nach Mitteleuropa und landet in der bayrischen Provinz, obwohl sein eigentliches Ziel Paris ist. Dieses resignierende ‚eigentlich’ beschreibt Karims Ringen mit der Welt im weiteren Verlauf sehr treffend. Wunsch und Realität driften immer mehr auseinander, wenn sich Karim im tiefsten Winter nach Normalität sehnt und anstatt im Café zu sitzen, sich mit seinen Zimmergenossen im … „Wie billige Produkte aus dem Ausland, die man bei Aldi und Lidl kaufen kann“ weiterlesen

Ein Bild der Flucht und ihrer Folgen, gezeichnet mit den Farben der Sprache

Rezension zu Senthuran Varatharajahs Roman „Vor der Zunahme der Zeichen“ Von Lea Sophie Birke  Am Anfang war der Zufall. Ein Zeichen zwischen Tausenden, die Anzeige „Personen, die du vielleicht kennst“ bei Facebook. So lernen sie sich kennen, Valmira, Studentin in Marburg, und Senthil, Doktorand in Berlin, die erkennen, wie sehr ihre Schicksale einander ähneln. Vor der Zunahme der Zeichen ist der Debütroman des Autors Senthuran Varatharajah, dessen Familie in den achtziger Jahren vor dem Völkermord an den Tamilen aus Sri Lanka nach Deutschland floh. Der Roman spiegelt die Brüche in den Biografien der Protagonisten wieder und markiert den Einfluss des … Ein Bild der Flucht und ihrer Folgen, gezeichnet mit den Farben der Sprache weiterlesen

Poesie des Eises, Poesie des Lebens

Rezension zu Ernest van der Kwasts Roman „Die Eismacher“ Von Natalya Polyakova Haben Sie schon Kaffee-Kardamon-Eis gegessen? Eis aus Quark mit Pflaume oder vielleicht Eis aus Fenchel mit Birne und Basilikum? Wenn diese verwunderlichen Mischungen Sie den Kopf schütteln lassen, dann ist dieses Buch für Sie. Der niederländische Autor Ernest van der Kwast erzählt in seinem Roman Die Eismacher die Geschichte einer italienischen Eismacherfamilie aus einem idyllischen Tal in den Dolomiten. So wie die Zugvögel ihr Land verlassen und nach einiger Zeit zurückkehren, wandert die ganze Familie Talamini jeden Frühling nach Rotterdam, um dort eine Eisdiele zu betreiben. In der … Poesie des Eises, Poesie des Lebens weiterlesen

Ein Schrei nach Revolution und sein Nachhall

Rezension zu Shida Bazyars Roman „Nachts ist es leise in Teheran“ Von Stefanie Jahn Eine Geschichte, die fünffach wiederhallt. Behsad, Nahid, Laleh, Morad und Tara – die Familienmitglieder erinnern sich an die Revolution im Iran oder leben diese nach der Migration nach Deutschland weiter, immer in der Hoffnung auf ein positives Ende – eine sehr gelungene Erzählung, die von Aufbruch und Zurücklassen, von Hoffnung, Warten und Zusammenhalt berichtet. Heutzutage klappen wir den Laptop auf oder schalten das Tablet an und befinden uns mitten im Weltgeschehen wieder. Doch die aktive Beteiligung bleibt aus, da wir zu passiven Konsumenten geworden sind. Beim … Ein Schrei nach Revolution und sein Nachhall weiterlesen