„Einfach nur schön“

08.11.2015, 16.00 Uhr | AMS!-Improraum, Fehrfeld 26 | gabrieleschreibtgedichte: FeinkOSTEN

VON ALEX KIND

Die Sonne steht schon tief am Himmel und schaut gerade noch über die Dächer des Viertels um die Bäume in Herbstfarben erstrahlen zu lassen, als am Sonntagnachmittag um kurz vor vier der Eingangsbereich der Räumlichkeiten des Alsomirschmeckts!-Theaters vollgepackt ist mit entspannten, sympathischen Menschen, die sich auf die Texte des Lyrikkollektivs gabrieleschreibtgedichte freuen.

Wie wir später erfahren, haben sich die Mitglieder des Kollektivs Gianna Lange, Martina Baljak, Saskia Bücker, Katharina Mevissen und Hahn im Korb Helge Hommers vor gut einem Jahr an der Uni Bremen getroffen, als alle gemeinsam anfingen im Master Transnationale Literaturwissenschaft (TnL) zu studieren.

Die Tür zum Veranstaltungssaal öffnet sich und es geht in einen weiß-blau gekachelten Raum, in dem das Publikum auf bunt zusammengewürfelten Holzstühlen platznimmt. Auf den Stühlen sind Programme ausgelegt, denen zufolge es dem Titel der Lesung getreu innerhalb der nächsten anderthalb Stunden von Ostfriesland aus über die Eifel und Schlesien in die Ukraine, nach Russland und Armenien geht, bevor wir durch Ungarn, Serbien und Bosnien und Herzegowina nach Dalmatien reisen.

Elisabeth Arend, Leiterin ebenjenes Masterstudiengangs Transnationale Literaturwissenschaft, begrüßt die Gäste und trägt den Wunsch des Kollektivs weiter, die Reise nicht durch Applauspausen zu unterbrechen. Sie stellt die fünf „Gabrielen“ und Miran Zrimsek vor, der sein Cello, seine Gitarre und seine Stimme mitgebracht hat um die Lyriklesung mit balkanischen Liedern zu rahmen. Zum Schluss wird auch Gabriele selbst vorgestellt, das Maskottchen des Kollektivs, die legendäre Schreibmaschine der Firma Triumph-Adler, die auf ihrem  Ehrenplatz in der Mitte der Bühne das Scheinwerferlicht genießt.

Den Beginn macht zunächst Miran Zrimsek mit einem leisen Cellostück. Während der Darbietung ist es mucksmäuschenstill, bis auch der letzte Ton verklungen ist. Helge Hommers beginnt die lyrische Reise und startet in Ostfriesland mit zwei plattdeutschen Gedichten. Einige Gäste haben leider Schwierigkeiten, die Übersetzungen mitzulesen, die dem Programm beilagen, da es im Publikumsraum recht dunkel und die Schriftgröße eher an die jungen Augen der Kollektivmitglieder angepasst ist. Doch auch ohne Plattdeutschkenntnisse kann man die norddeutsche Gelassenheit genießen, mit der Hommers seine trockenhumorigen Texte vorträgt.

Martina Baljak und Gianna Lange bilden in dieser wie auch schon in anderen Lesungen des Kollektivs ein Team im Team: Baljak schreibt auf Serbisch, Lange liefert die Übersetzung. So lesen die beiden während der Veranstaltung mehrere von Baljaks einfühlsamen Texten fast wie im Dialog. Und auch, wenn man zunächst nichts versteht, kann man an Baljaks ausdrucksstarker Mimik und Betonung ein Stück weit erahnen, worum es geht.

Katharina Mevissen trägt während der Lesung mehrere ihrer Texte vor, in denen sie durch Enjambements die einzelnen Zeilen kunstvoll verkettet und dadurch neue Bedeutungen schafft, die den Zuhörenden wie im Rausch durch den Kopf fliegen.

Nach einem weiteren Cellostück von Zrimsek, leitet Saskia Bücker die zweite Etappe der Reise gen Osten mit gleich drei ihrer zweisprachigen Texte ein, die sehr dicht sind und viel mit Metaphern und Synästhesie arbeiten. Außerplanmäßig gibt sie dann noch ein viertes Gedicht, „Goldene Brotkrumen“, zum Besten, in dem sie verrät, dass es manchmal schwierig ist, gewisse Dinge auf Deutsch auszudrücken, weshalb sie sowohl Ungarisch als auch Russisch zur Hilfe nimmt.

Während der zweiten Hälfte der Lesung trägt Gianna Lange auch einige ihrer eigenen Texte vor, intensive Liebesgedichte an verschiedene Orte auf dem Balkan.

Im Laufe der Lesung wechselt Zrimsek vom Cello zur Akustikgitarre. Die Stimmung ist ruhig, passend für einen späten Sonntagnachmittag im November, an dem man zu einer Lyriklesung geht um die Sinne zu schärfen und inspiriert von Gedichten und begleitet von leiser Musik an unbekannte Orte und in fremde Köpfe zu reisen.

Den Abschluss bilden nochmals Baljak und Lange mit einem Text über das dalmatinische Meer, bevor der große Applaus losbricht. Elisabeth Arend bedankt sich bei ihren TnL resident poets und lässt ihr Fazit über die Lesung verlautbaren: „einfach nur schön“.

Zum Schluss kommt Jens-Ulrich Davids vom Literaturkontor zu Wort. Er lobt die Veranstaltung und deren Atmosphäre und verkündet feierlich, dass zwei Mitglieder von gabrieleschreibtgedichte,  Katharina Mevissen und Gianna Lange das Autorenstipendium des Literaturkontors und des Senators für Kultur erhalten haben.

Für diese wunderbar anregende Lesung wurde kein Eintritt erhoben. Dem Publikum ist dieser Nachmittag trotzdem etwas wert, weshalb der ein oder andere Groschen auch seinen Weg in den Spendentopf des AMS! findet. Immerhin haben die Dichter*innen auch für Verpflegung gesorgt, weshalb das Publikum diesen „wunderschönen Nachmittag“, wie ihn Arend beschreibt, mit kleinen Feta-Küchlein und serbischem Walnuss-Schnaps beschließen kann.

>> zum Interview mit gabrieleschreibtgedichte von Ev Neumann

>> zur Website von gabrieleschreibtgedichte

 

 

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