Meckern kann jeder

Feridun Zaimoglu – Ein Schriftsteller erklärt sich

Von Franziska Rentzsch

 

Freitag 12:03 Uhr, Stadtbibliothek Bremerhaven. „Herr Zaimoglu ist leider noch nicht da“, heißt die leise Ankündigung einer Mitarbeiterin. Aber im Foyer gebe es einen Kaffeeautomaten. Einige Schüler erheben sich langsam, doch der Autor steht schon in der Tür. Unscheinbar, ganz in schwarz gekleidet und mit einem breiten Lächeln im Gesicht schreitet er an den Stuhlreihen bremerhaven2vorbei, setzt sich ans Pult und rückt sich das Mikrofon zurecht. Eine Ankündigung gibt es heute nicht – dafür fehle die Zeit, denn der Moderator suche noch nach einem Parkplatz – und Zaimoglu will keine Zeit verlieren: „Ich bin preußisch erzogen worden. Lieber wartet man, als dass man warten lässt“, erklärt er und eröffnet seinen ersten Auftritt auf der Globale mit dem Titel Das Schreiben als Beruf, der Schriftsteller erklärt sich.

Vor ihm sitzt ein Türkisch-Kurs des Carl von Ossietzky Gymnasiums in Bremerhaven. Neben Englisch und Französisch bietet die Schule auch Türkisch als zweite Fremdsprache an und richtet sich damit vor allem an Schüler, die wie Zaimoglu in Deutschland leben, aber auch mit der türkischen Sprache aufgewachsen sind. „Ich beginne mal mit einem Impulsreferat und danach können Sie mich alles fragen, was Sie wollen – zum Beispiel ob ich Spiegelei zum Frühstück mag oder heute schon mal in den Spiegel geguckt habe“, sagt der Autor und lacht.

„Also, wie hat einer wie ich – ein klassischer Gastarbeitersohn – den Weg zur Literatur gefunden? Ich kann Ihnen keine Heldengeschichten erzählen. Vor Ihnen sitzt leider kein Paradebeispiel für Integration, sondern ein doppelter Versager“, beteuert der Mann, der vom Spiegel gerade erst als einer der großartigsten Dichter unserer Zeit geadelt wurde und mit seinem neuen Roman Siebentürmeviertel von einer Lesung zur nächsten hetzt. („Wo war ich denn gestern? – Ach, Hannover!“) Dabei sah sein Weg zunächst gar nicht nach einer schriftstellerischen Karriere aus.

Bereits im Alter von fünf Monaten kam Zaimoglu nach Deutschland und wuchs in einem Münchner Arbeiterviertel auf. Seine Eltern setzten auf eine strenge Erziehung. „Ich weiß, es klingt bekloppt, aber meine Schwester und ich mussten unsere Eltern siezen und aufstehen, wenn sie den Raum betraten.“ Und weil er seinen Eltern auch nichts abschlagen konnte, begann Zaimoglu ihnen zuliebe zunächst ein Medizinstudium, das er, genauso wie sein späteres Kunststudium, nicht zu Ende brachte. „Sie hätten mich mal sehen sollen. Doppelter Studienabbrecher, keine Ausbildung, arschlange Haare. Ich sah fürchterlich aus!“ Und dann kam natürlich die Frage: „Was will ich wirklich?“ Das Schreiben stand damals noch nicht im Vordergrund, doch Zaimoglu suchte nach einem Weg, sich der Öffentlichkeit mitzuteilen. „Ich wollte mich nie anpassen und ich war zornig damals“, sagt er. Zornig auf die Heuchelei der türkischen Kultur, auf ihre Rollenmodelle und Seifenopern. Aber genauso wenig wollte er ein braver deutscher Bürger sein. „Meckern kann jeder“, sagt Zaimoglu. „Aber ich wusste, dass ich die Gabe hatte, Geschichten zu erzählen. Das lag mir.“ In der Literatur entdeckte er einen Weg, um aus der Realität zu fliehen, die ihn wütend machte und so begann er zu schreiben, auch wenn das seinen Eltern zunächst nicht gefiel. „Man muss Leute enttäuschen, wenn sie glauben dir den Weg weisen zu können“, sagt Zaimoglu. Aber heute seien sie natürlich stolz auf ihn.

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Fotos: Franziska Rentzsch

Denn heute hat Zaimoglu nicht nur 20 Bücher veröffentlicht, sondern darf diese auch einem breiten Publikum präsentieren und Schulklassen, wie hier in Bremerhaven, von seiner Karriere berichten. Heute beantwortet Zaimoglu Fragen nach seiner Lieblingsmusik (Mozart, Hardcore, Industrial) und seinen Lieblingsautoren („Wirklich, ich lese alles. Kreuz und quer“). Aber die Oberstufenschüler interessiert auch, wo sich der Autor zwischen der Türkei und Deutschland verortet. „Deutschland ist meine Heimat“, betont Zaimoglu. Auch sei sein Türkisch mittlerweile „grottenschlecht“. Seine Mutter habe ihm schon als Kind immer gesagt: „Du bist ein Deutscher, der seine Muttersprache noch nicht kann.“ Auf die Frage, ob es für die Jugendlichen wichtiger sei, Deutsch oder Türkisch zu lernen, hat Zaimoglu eine klare Antwort: „Erst kommt Deutsch, dann kommt Deutsch, dann kommt Deutsch“, rät er den 16-Jährigen. Alles andere sei ein Märchen. „Verbieten Sie sich nostalgische Begründungen“, sagt er. Natürlich sei die Sprache der Eltern mit Nostalgie verbunden und ein Sprachverlust immer schwierig. „Aber selbst wenn man in Deutschland weiter Türkisch lernt, wird man in der Türkei sofort als Deutschländer erkannt“, so Zaimoglu. Dabei gehe es nicht um einen Verrat an der Heimat und es gehe vordergründig noch nicht einmal um die Frage der Integration. „Das ist alles Blödsinn. Wir sind Deutsche und wir müssen einfach den Mut haben, aus der Märchenwelt auszusteigen“.

Dennoch bleibt der 50-Jährige der Türkei, dem Heimatland seiner Eltern, stark verbunden. In seinen Büchern beschäftigt er sich unter anderem mit der Sprache junger türkischstämmiger Männer in Deutschland (Kanak Sprak) oder auch mit ganz persönlichen Erlebnissen in der Türkei (Liebesbrand). Und auch in seinem aktuellen Buch Siebentürmeviertel spielt sein Geburtsland eine große Rolle. Hier begibt sich der Autor auf eine Zeitreise in das Istanbuler Viertel, in dem sein Vater aufgewachsen ist. Feridun Zaimoglu liebt Gedichte („Jeden Tag lese ich Gedichte – am liebsten türkische. Das ist Weltliteratur!“) und er liebt das Schreiben. Was am Anfang nur ein kleines Abenteuer war, um aus der Realität zu fliehen, ist heute seine große Leidenschaft: „Schriftstellerei ist ein harter Job. Aber ich möchte nichts Anderes mehr machen.“

>> Zum Interview mit Feridun Zaimoglu

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