„Das Buch ist klüger als ich“

Ein Gespräch mit Feridun Zaimoglu

Herr Zaimoglu, in Ihrem neuen Roman Siebentürmeviertel geht es um die Geschichte eines deutschen Jungen, der mit seinem Vater in die Türkei flüchtet. Sie sind dagegen als kleines Kind den anderen Weg gegangen und aus der Türkei nach Deutschland gekommen. Lag für Sie der Reiz beim Schreiben darin, einen Gegenentwurf zur eigenen Geschichte zu entwickeln?

feridun

Foto: Franziska Rentzsch

Nein. Der Reiz daran, ein Buch zu schreiben, besteht für mich in der Selbstverschwindung und in der Selbstvernichtung. Um ein Beispiel zu nennen: Ich habe in zwei Büchern mit meinem Geschlecht gebrochen. Ich musste aus der Ich-Perspektive ein Mädchen sein, das zu einer jungen Frau heranreift, in einem anderen exotischen Milieu und in einer anderen Zeit. Und ich musste eine herbe Berliner Frau sein, die eine Schneise brennt ins Dickicht der Stadt. Da konnte ich nicht von mir ausgehen. Bei Siebentürmeviertel könnte man jetzt meinen, ich hätte so ähnliche Erfahrungen gesammelt. Aber nein: Hier ging es mir nicht so sehr darum, von mir auszugehen, sondern von mir fortzukommen. Ich wollte eine Geschichte schreiben, in der ich nicht vorkomme. Und genauso nett finde ich es natürlich, wenn mir prophetische Gaben unterstellt werden – dass ich damals schon gesehen hätte, dass es diese Flüchtlingsströme geben wird. Oft wird das Buch als eine Art Handbuch zum besseren Verständnis der Flüchtlinge gesehen.

Aber gewisse Parallelen liegen natürlich auf der Hand. So lassen sich die Erfahrungen des Jungen zur Zeit des Zweiten Weltkriegs ja tatsächlich an vielen Stellen mit denen der Flüchtlinge von heute vergleichen. Wenn auch ungeplant, schafft es das Buch trotzdem, uns Flucht und Einwanderung noch einmal aus einer anderen Perspektive zu zeigen…

Genau. Es ist ja so, dass ich auch überrumpelt worden bin und dass ich überrascht und überwältigt von den Ereignissen war. Es ist ja nicht nur eine Einwanderung, sondern geradezu eine Völkerwanderung. Hunderttausende kamen und kommen. Und da kann man natürlich das Buch lesen und sagen, ich will da eine Handlungsanweisung entdecken. Ja, aber man kann auch sagen, naja, der Mensch ist so wie er ist und zu allen Zeiten war. Die Fremden werden beargwöhnt, die müssen sich erstmal behaupten und ihnen wird die Frage der Loyalität gestellt: Welchem Herrn dienst du? Das ist überall so und völlig menschlich. Genau darüber schreibe ich in diesem Buch. Wenn man also Parallelen sieht, dann bin ich froh darüber, aber das Buch ist eben klüger als ich. Ich wollte diese Geschichte schreiben, aber ich habe es nicht kommen sehen.

An vielen Stellen heißt es, dass das Buch eine „Familiensaga zwischen Orient und Okzident“ wäre. Das finde ich eigentlich doppelt problematisch. Für mich ist es vielmehr die Geschichte von Wolf, der im Verlauf des Romans zu einem jungen Mann heranwächst. Und auch die Einteilung zwischen Orient und Okzident ist doch ein veraltetes Konzept. Als was würden Sie Ihr Buch bezeichnen?

siebentürmeviertelJa genau. Das erste was mir einfällt, wenn ich gefragt werde, worum es in diesem Buch geht, ist, dass es eine Geschichte der Heimatfindung ist. Es ist die Geschichte einer Selbstfindung. Aber zu erschwerten Bedingungen. Es ist weniger eine Familiensaga, als die Geschichte der Verlassenheit eines Kindes – eines nicht-bürgerlichen Kindes, das dann in einem Armeleuteviertel plötzlich mit Gesetzen, Regeln, Glauben und Aberglauben aus einer völlig anderen Zeit konfrontiert wird. Und auch die Bezeichnung von Orient und Okzident auf dem Klappentext soll den Leser vielleicht flüchtig ansprechen. Es sind aber abgegriffene Begriffe, die in der medialen Diskussion immer wieder als Kampfbegriffe aus der Mottenkiste herausgeholt werden, um ein „wir“ gegen „sie“ zu zeichnen. Aber eigentlich geht es in der Geschichte nur noch um orientalische Restbestände und vor allem geht es um ein Kind, das nicht untergehen will.

Wenn Sie sagen, es gehe in der Geschichte vor allem um die Heimatfindung – was bedeutet Heimat für Wolf? Ist Deutschland für ihn noch ein Heimatland?

Für Wolf besteht kein Zweifel daran, dass er Deutscher ist. Er sagt „deutsches Blut, aber türkische Haut.“ Er denkt ja gar nicht darüber nach. Dieses Selbstverständnis ist aus den Erfahrungen, seiner Biografie und aus all den Monaten, die er in dem Viertel lebt, erwachsen. Er wird später nicht mit seinem Vater zurückkehren. Für seinen Vater wird es eine Rückkehr in die Heimat bedeuten. Für ihn ist Istanbul eine Welt, in die er hineingeraten ist und die er als Belästigung empfindet. Er will sich nicht vermischen mit den Menschen und deren fremden Einflüssen. Aber im Gegensatz zu ihm hat Wolf mitgespielt, er war die ganze Zeit dabei. Er hat in dem Viertel gelebt und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Vielleicht ist es für ihn nicht die Heimat, aber im Prolog sagt er „Das Viertel ist mein Land.“ Insofern besteht für ihn kein Zweifel, die Türkei ist für ihn kein fremder Boden mehr. Aber es wäre für ihn fremder Boden, wenn er nach Deutschland zurückkehren würde.

Und was bedeutet Heimat für Sie?

Ich kann es ganz einfach sagen, Norddeutschland ist meine Heimat und von meinem Selbstverständnis her bin ich deutsch. Das ist nämlich das was mir fehlt, wenn ich woanders bin. Das ist keine intellektuelle Überlegung. Das habe ich mir nicht angelesen, sondern es ist eine Herzensentscheidung, es sind Gefühle. Wenn ich also nach einer langen Reise nach Deutschland zurückkomme und versucht bin, den Boden zu küssen, dann können viele natürlich sagen, „der Junge hat einen Knall“, aber ich freue mich so sehr. Nach Deutschland zu kommen, bedeutet für mich immer eine Wiederkehr.

Bei Ihrer Lesung gestern haben Sie verraten, dass Sie eine große Leidenschaft für Gedichte hegen und dass kein Tag vergeht, an dem Sie nicht mindestens ein Gedicht lesen. Das merkt man auch Ihrem aktuellen Buch an, das größtenteils in kurzen und poetischen Sätzen verfasst ist. Was fasziniert Sie an der Poesie?

Ich war als Kind schon ein entrücktes, benebeltes Kind. Ich stand da und schwieg und guckte. Ich versuche das jetzt mal in Worte zu übersetzen, was das war: Es gefiel mir und es gefiel mir ein bisschen nicht. Es war eine Entrückung, begleitet mit einem Gefühl des Unbehagens. Ich sollte dann einige Jahre später feststellen, dass ich die Selbstverschwindung sehr gerne habe. Es ist gut, wenn mich etwas zum Verschwinden bringt. Ich funktioniere oder lebe nicht durch Souveränität. Auch Selbstverwirklichung hat mir nie etwas gesagt. Aber in Gedichten bin ich nicht vorhanden. Ich verschwinde, ich verschwimme und in guten Gedichten bin ich dann das, was auf dem Papier steht. Es ist dieses Gefühl des Untauglichen. Gedichte sind keine Lebensratgeber. In Gedichten verdampfe ich, genau, und in Gedichten komme ich nicht zu mir. Es ist eine schöne Narkose. Und bei besonders guten Dichtern ist es noch viel mehr als eine Betäubung. Es ist eine Auflösung. Auflösung und Verschwundensein.

Und haben Sie zum Schluss noch ein Lieblingsgedicht für uns?

Leider kann ich keine Gedichte auswendig. Aber ich habe einen Lieblingsdichter. Das ist Thomas Kunst – und seine Gedichte sind wirklich zum Niederknien, zum In-die-Faust-beißen. Großartig!


Das Interview führte Franziska Rentzsch
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