Ein Dichter, der gern in fremde Häute schlüpft und von der Rettung von Flüchtlingen erzählt

Von Elisabeth Arend

Wer hätte gedacht, dass ein Roman über eine weithin unbekannte historische Person namens Aristides de Sousa Mendes (1885-1954), der 1940 als portugiesischer Konsul in Bordeaux wirkte, im Herbst 2015 von bedrückender Aktualität in Deutschland sein könnte? Und was treibt einen französischen Autor algerischer Herkunft dazu, scheinbar abseits literarischer Moden einen historisch-biographischen Roman zu schreiben? Einen Roman zumal, der in Sprache und Stil klassischer kaum sein könnte, aus der Feder der großen Marguerite Yourcenar hätte stammen können, und der sich an wahrlich große Themen heranwagt: An Gläubigkeit, Gewissen und Sünde, Liebe und Verrat, an Verantwortung und Schuld, an Liebe und an Zivilcourage. Erst 2001 hat man in Bordeaux ein Denkmal für de Sousa Mendes errichtet, der, eine Weisung des portugiesischen Außenministers der Regierung Salazar missachtend, Tausenden von Juden Visa ausstellte. Damit, so erzählt der Roman, ermöglichte er ihnen die Flucht vor der Verfolgung durch die Nazis. Zwischen 30.000 und 50.000 Menschen, so nimmt man heute an, rettete der Konsul das Leben. Sich selbst brachte er mit seiner Hilfe für Flüchtlinge um Anstellung, Reputation und Vermögen. Diese Geschichte zivilen Ungehorsams erzählt Bachis Roman, angelegt im klassischen Format einer Lebensbeichte, die der im Kloster zurückgezogen lebende Protagonist seiner sehr viel jüngeren Geliebten macht, die überdies von ihm ein Kind erwartet. Es wird das 15. Kind des Konsuls werden – 14 hatte er mit seiner Ehefrau. Beide Frauen entwirft Bachi in der Tradition der duldsamen Frauenfigur. Auch spart er nicht mit Pathos, wenn der auf Aristides fokussierte Ich-Erzähler seine Gewissensqualen ob des Verrats an seiner Frau, aber auch an seinen von strengem Katholizismus regierten Verhaltensmaximen artikuliert. In einer doppelten Liebesgeschichte, aber auch mit Blick auf das politische Handeln des Konsuls orchestriert der Roman, der mit wenigen, gut gesetzten Nebenfiguren auskommt, das Thema des „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“.

Im Gesamtschaffen des Autors, dessen mehrfach ausgezeichnete frühe Romane noch im Zeichen der Auseinandersetzung mit Algerien und seiner Geschichte stehen (Le chien d’Ulysse; dt. im Lenos-Verlag), fügt sich Le Consul in einen Werkzusammenhang ein, den man als das Projekt des literarischen in-die-Haut-Anderer-Schlüpfens bezeichnen könnte: Aus Sicht Fatimas, der Ehefrau des Propheten, schreibt Bachi dessen Leben in Romanform neu (Le Silence de Mahomet). Auch Sindbad erfindet er romanesk noch einmal (Amours et Aventures de Sindbad le Marin). Dann begibt er sich in die Haut eines der Terroristen, der in der Nacht vor dem Kamikaze-Flug in die Türme des globalen Kapitals einer Geliebten sein Leben erzählt (Tuez-les tous). Bevor Bachi sich dem Konsul zuwandte, hat er, ebenfalls in Ich-Form, Albert Camus‘ Leben in Le dernier été d’un jeune homme (2013) neu geschrieben. Er tut dies in nahezu meditativer Versenkung in Sprache und Stil des großen Frankoalgeriers. Weniger als existenzialistischen Philosophen und Sartre-Antagonisten bringt er ihn dem Publikum nah, sondern als einen jungen Mann aus armen Verhältnissen, dessen gesamtes Handeln, Denken, Empfinden und Schaffen und nicht zuletzt auch dessen Sinnlichkeit aus der Bedrohung durch die Tuberkulose-Erkrankung und dem Kampf dagegen resultieren.

Würde man angesichts dieser Werkkonturen nun meinen, die große Nähe zu den Personen, die in Bachis Romanen zu Figuren werden, verweise auf das Problem des Autors, eigene Stoffe zu finden – dann läge man falsch. Literatur ist das Erfinden von Welten, ganz gleich, ob diese eine konkrete Referenz im Faktischen haben oder nicht. Bachis Romane kreisen, trotz ihres weiten thematischen Spektrums, letztlich um die Frage, was das Leben und den Menschen ausmacht. Unzeitgemäß mag dies erscheinen, aber es ist hochaktuell. Und politisch ist, was Bachi daraus macht: Einen im Literarischen eher „konservativen“ Roman aber mit politischer Sprengkraft und insofern großer Aktualität. Ein Roman über die Rettung von zehntausenden Flüchtlingen durch einen portugiesischen Konsul, der sich allein seinem Gewissen und seiner Menschlichkeit verpflichtet weiß und der im Kampf mit diesem Gewissen den Gehorsam gegenüber den Autoritäten und eigene Interessen über Bord wirft. Wie liest sich das angesichts der Untiefen der aktuellen europäischen Flüchtlingspolitik?

 

Salim Bachi, 1971 geb., ist frankophoner Autor algerischer Herkunft. Nach Literaturstudium in Algerien und an der Sorbonne in Paris verlegt er sich auf das Schreiben. Für seinen Erstling erhält er 2001 den Prix Goncourt du Premier roman. Bachi lebt in Paris.

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