Leben in einem Durchgangsort

Rezension von Alex Kind

Seit 1984 lebt die gebürtige Berlinerin Barbara Honigmann in Straßburg. Diesen Februar veröffentlichte sie Anekdoten, die durchsetzt sind mit Beobachtungen zu Fremdheit und Identität.

Die Rue Edel ist ein Durchgangsort für Zugewanderte. In ihrem kleinen Band Chronik meiner Straße berichtet Barbara Honigmann als Ich-Erzählerin, wie die Leute kommen und gehen, wie sie selbst kam, aber nie wieder ging. Als scheinbar einzige Konstante dieser Straße erkennt die Autorin die Ordnung im Chaos. Denn die Rue Edel durchläuft immer wieder den gleichen Zyklus von Aufschwung und Abschwung, von guten Zeiten und schlechten Zeiten.

In kurzen Episoden, deren Figuren immer wiederkehren, erzählt Honigmann aus ihrem Leben und lässt erkennen, wie sie mit dem Gefühl der Fremdheit in sich selbst und draußen auf der Straße umgeht. Honigmann verkörpert dabei eine Bewohnerin der Rue Edel, die nicht viel über Multi-, Inter-, Transkulturelles und deren jeweilige Vor- und Nachteile nachdenkt. Stattdessen betrachtet sie die anderen Fremden und ihre Lebensweisen und wandert dabei auf dem schmalen Grat zwischen interessierter Beobachtung und arroganter Abwertung.

In dieser Straße ist Fremdheit die Norm, weshalb „richtige Franzosen“, also solche mit französischen Wurzeln, auch explizit bezeichnet werden. Während ihre Söhne sich anpassen und zu „Innerfranzosen“ werden, beschreibt Honigmann das Dilemma der Migranten, wenn sie daraufhin verweist, dass sie sich in Straßburg manchmal fremd fühlt, aber auch in Berlin, ihrer alten Heimatstadt keinen Platz mehr findet. Zu viel hat sich verändert und die Stadt, wie sie einmal war, existiert nur noch in ihrer Erinnerung. Ein Stückchen Heimat findet Honigmann in der Rue Edel dann aber in ihrer Nachbarin Nadja, die eigentlich aus dem anderen Deutschland kommt, dem Westen, mit der sie sich aber in Straßburg, an diesem fremden Ort durch die gemeinsame Sprache verbunden fühlt.

Den Abschluss des Bandes bilden die Beschreibung der Gegenwart und ein Ausblick in die Zukunft. Die leise Angst, die Honigmann am Ende des Buches ausdrückt, verrät, dass die Autorin den Fluss braucht, in dem sich die Rue Edel stets befindet. Mit Argwohn betrachtet Honigmann deshalb erste Anzeichen einer Gentrifizierung wie etwa die Renovierung des gegenüberliegenden Gebäudes und den darauffolgenden Auszug seiner alten Bewohner oder den Aufkauf des kleinen Reformhauses durch eine Bio-Supermarkt-Kette.

Mit Chronik meiner Straße plaudert Barbara Honigmann aus dem Nähkästchen. Die Auswahl der Anekdoten scheint auf den ersten Blick beliebig, dennoch ist es Honigmann gelungen den roten Faden der Frage nach Identitätsfindung in der Fremde zu spannen. Und vielleicht ist die Form, in der das Buch erschienen ist, nur ein weiterer Verweis auf das Provisorium, in dem man in der Rue Edel lebt.

Barbara Honigmann: Chronik meiner Straße. Hanser Verlag, München 2015. 152 Seiten, 16,90€.

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