Lebendiges Schreiben

Ein Abend mit Tommy Wieringa und Vea Kaiser in der Stadtbibliothek Bremen.

Ein Bericht von Ev Neumann.

Es ist kurz nach 19 Uhr als der niederländische Autor Tommy Wieringa und Moderator Tobias Pollok die Bühne im Wall-Saal der Stadtbibliothek betreten und sich in die roten Ledersessel setzen. Der dritte Sessel bleibt vorerst leer, da der Zug von Vea Kaiser verspätet ist. Ein Stöhnen und Gemurmel über die Unfähigkeit der Deutschen Bahn geht durch das Publikum. Doch schnell hebt sich die Stimmung wieder, als Tobias Pollok sehr bemüht aber dennoch vergeblich versucht, den Geburtsort Wieringas korrekt auszusprechen. Die beiden Gesprächspartner verstehen sich gut und Pollok hilft aus, sobald es bei Wieringa an einem deutschen Wort hakt. Nach einer kurzen Einführung in Wieringas Autorenlaufbahn, erfährt der Zuschauer, dass der Niederländer durch das Führen von Tagebüchern, schon seit seinem elften Lebensjahr, zum Schreiben gekommen ist. 1995, mit nur 28 Jahren veröffentlichte er dann seinen ersten Roman. Allerdings musste er 10 Jahre warten, bis sich mit der Veröffentlichung seines preisgekrönten Romans „Joe Speedboot“ im Jahr 2005 endlich der ersehnte Erfolg einstellte. Wieringa erzählt davon, dass er nie daran gedacht habe, etwas anderes als Schriftsteller zu sein, obwohl der große Erfolg einige Zeit auf sich warten ließ. Sogar Lieder habe er nebenbei veröffentlicht, in der Hoffnung das Interesse der Massen zu wecken – leider vergeblich. Trotzdem rappt er aus dem Stehgreif einen kurzen Abschnitt eines seiner Songs vor und stellt danach grinsend fest, dass er noch nie so viele Zuschauer bei der Präsentation seiner Musik gehabt hat.

Spätestens jetzt hat er die Sympathien des Publikums für sich gewonnen und kommt auf sein aktuelles Buch „Eine schöne junge Frau“ zu sprechen. Es war ihm wichtig, den Altersunterschied zwischen dem männlichen Protagonisten und seiner vierzehn Jahre jüngeren Frau zu thematisieren, um zu schauen, was dieser Altersunterschied mit dem Mann anstellt. Wieringa liest einige Passagen aus seinem Roman auf Deutsch und wirft zwischendurch lachend ein, dass er es auf Niederländisch besser lesen würde. Im Deutschen hätte er beim Lesen immer „Schaum vorm Mund“. Zwischendurch erkundigt sich der Autor, wo denn die Frau Kaiser bleiben würde und liest dann munter weiter. Als Vea Kaiser dann gegen 19.30 Uhr im Wall-Saal eintrifft, ruft er strahlend: „Ist Frau Kaiser hier? Wunderbar – dann bin ich fertig.“

Nun ist die 26-jährige Österreicherin an der Reihe. Anstatt sich jedoch von Tobias Pollok vorstellen zu lassen, ergreift sie lieber direkt selbst das Wort, um dem Publikum mitzuteilen, wer sie ist. Auch sie hat Tagebuch geführt, allerding nur bis zum 17. Lebensjahr. Dann hörte sie auf damit, weil ihr damaliger Freund darin gelesen und sich daraufhin von ihr getrennt hatte. Sie redet über ihren Studiengang Altgriechisch, der bei den jüngeren Studierenden nicht gerade populär ist und bestätigt, dass der Altersdurchschnitt des Studiengangs bei 67 liegt. Kaiser wisse jedoch die Exklusivität und die kleinen Klassen zu schätzen. Über die Pläne zur Verfilmung ihres ersten Romans „Blasmusikpop“ kann sie nichts sagen, weil sie nicht darüber Bescheid weiß. Sie erzählt, dass die Filmwelt sie wahnsinnig gemacht habe, woraufhin sie zu den Filmemachern meinte: „Ruft mich an wenn der Film fertig ist, ich ziehe mir dann was Schönes an.“

Im Gespräch mit Tobias Pollock hebt Vea Kaiser hervor, dass ihr Debütroman ist in vielen Ländern ganz anders wahrgenommen wurde, als das im deutschsprachigen Raum der Fall war. In Frankreich wurde vor allem auf die politischen Aspekte hingewiesen, während hierzulande die meisten Blicke auf den provinziellen Charakter des Romans gerichtet waren. Mit ihrem zweiten Roman „Makarionissi“ wollte sie raus aus dem Dorf, hinaus in die Welt. Alle darin verwendeten Orte, sind Teil ihrer Biographie, kennzeichnen Stationen in ihrem Leben. Sie berichtet davon, wie sie ihr Heimatdorf St. Pölten immer schon hasste. Dann ging sie für 8 Monate nach Hildesheim, entschied sich für einen Kurs des Literarischen Schreibens und begann plötzlich, ihr Dorf zu lieben. Hildesheim fand sie furchtbar, ihre Wochenenden verbrachte sie lieber in den Kneipen Bremens. Einzig das griechische Restaurant in Hildesheim mochte sie, weshalb dieses auch Platz in ihrem Roman eingeräumt bekam. Mit sehr theatralisch wirkender Stimme liest sie dann eine Passage aus ihrem Buch vor. Als Pollok danach anspricht, dass es schwierig gewesen sei, die vielen verschiedenen Handlungsstränge in einer Rezension über das Buch zusammenzufassen, freut sie sich darüber, dass sie es ihm mit ihrem Roman schwergemacht hat, da ein Literaturkritiker schließlich keine Inhaltsangaben verfassen sollte. Bei einem Buch findet sie es wichtig, lange Sätze zu verwenden, weil gerade die deutsche Sprache das so schön machen würde.

Nun kommt auch Tommy Wieringa wieder zu Wort und äußert, dass egal ob kurze oder lange Sätze es das Wichtigste sei, dass ein Buch lebendig geschrieben ist.  Jetzt ist Zeit für Fragen aus dem Publikum. In Anbetracht der fortgeschrittenen Zeit, wird jedoch nur noch kurz geklärt, dass es Vea Kaiser ein Anliegen war, das Thema der Junta in ihrem Roman aufzugreifen, um eventuell mehr Verständnis für die jetzige Lage der Griechen hervorzurufen. Außerdem findet sie den Gedanken schön, drei Romane vor dreißig geschrieben zu haben und arbeitet fleißig an diesem Ziel. Tommy Wieringa will sich in kommender Zeit neben dem Romanschreiben gerne auch mit Gedichten befassen. Mit dem Hinweis auf den Büchertisch und Kaisers Ansage: „Vergessen Sie nicht, in einem Monat und 22 Tagen ist Weihnachten.“ endet die Veranstaltung in der Stadtbibliothek.

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