Von Hobby-Hippie-Kommunisten, vorhersehbaren Bruchlandungen und einer griechischen Familienbande auf der Suche nach dem Glück – eine moderne Heldenreise

Vea Kaiser schafft mit ihrem Werk Makarionissi oder Die Insel der Seligen eine Familiengeschichte über vier Generationen, deren Mitglieder in mehrere Länder und Kontinente reisen, um am Ende in der Jetztzeit wieder vereint zu sei. Wobei jeder auf seine eigene Weise sein Glück findet.


Von Charlotte Wagner

Es beginnt alles in Varitsi, einem griechischen Bergdorf an der Grenze zu Albanien im Jahr 1956: Yiayia Maria Kouzis deutet die Zeichen falsch. Sie sorgt dafür, dass ihr Familienerbe nicht den Bach heruntergeht, indem sie ihren einzigen männlichen Enkel Lefti seiner vier Jahre jüngeren Cousine Eleni verspricht. Dass aber das Lesen im Kaffeesatz der traditionsbewussten Dame in diesem Fall nicht weiterhilft, macht sich schon bald bemerkbar: Während die beiden anfangs noch unzertrennlich sind, wächst Eleni zu einer attraktiven Frau heran, die sich dem Gedankengut der griechischen Kommunisten anschließt, während der gutmütige, politisch desinteressierte Lefti sich nichts sehnlicher wünscht als eine harmonische Ehe mit Kindern. Doch der Bürgerkrieg macht auch nicht vor Varitsi Halt: Royalisten kämpfen gegen Kommunisten, 1967 wird von rechts geputscht. Die beiden heiraten, doch nur, um dann im freien Deutschland getrennte Wege zu gehen. Im tristen Hildesheim engagiert sich Eleni in einem Kulturverein für Auslandsgriechen, Lefti wird durch seine gewissenhafte Arbeit in einer Gummifabrik schnell befördert. Beide lernen die Liebe ihres Lebens kennen, und es verschlägt die Protagonisten und ihre Nachkommen in das österreichische St. Pölten und nach Chicago, bevor es zu einem Wiedersehen auf der fiktiven griechischen Insel Makarionissi kommt.
Was als moderne Heldenreise beginnt, wird zu einer vorhersehbaren Bruchlandung, der es an kitschigen Elementen nicht fehlt. Die kommunistische Amazonin und Hobby-Hippie Eleni erteilt am Ende Yoga-Unterricht als Besitzerin des ersten großen Hotelkomplexes auf Makarionissi, ein Sinnbild kapitalistischen Massenkonsums par excellence. Insgesamt sind die Figuren überspitzt und stereotypisiert dargestellt ganz nach dem Motto: (Griechische) Helden müssen schön sein. Das Deutschlandbild wird durch das triste Hildesheim charakterisiert, was voll von Neinsagern ist, denen es an Leichtigkeit und Enthusiasmus fehlt – mit Ausnahme des hübschen, chaotischen Schlagersängers Otto. Die St. Pöltner werden zu rotbackigen Dorfpomeranzen stilisiert, die dem griechischen Adonis nicht das Wasser reichen können. Zu allem Überfluss sind die geschichtlichen Hintergründe und politischen Geschehnisse, die schwer wiegen, zu vage gehalten und werden nur oberflächlich gestreift. Nicht ohne Grund wird die angebliche Fabulierkunst Kaisers Lügen nicht nur gepriesen, sondern auch mal als „Buttercremeprosa“ (Christoph Schröder, Süddeutsche Zeitung) bezeichnet. Als angenehme Berieselung für den Urlaub, bei der man nicht viel nachdenken will, eignet sie sich durchaus, – professionell konstruiert zieht sich der rote Faden durch das gesamte Buch. So kann der Leser immerhin in die Welt einer griechischen Großfamilie auf Abwegen eintauchen. Und auch wenn die aktuelle Griechenlandkrise, abgesehen von einem maroden Baukran, der die Frau von Elenis Enkel ereilt, ausgespart wird: Das Werk liest sich flüssig, zuweilen amüsant und unterhaltsam, was nicht zuletzt der blumigen Sprache zu verdanken ist, mit der Kaiser geschickt umzugehen weiß.
Vea Kaiser, geboren 1988 in St. Pölten (Niederösterreich) arbeitet als Übersetzerin und Fremdenführerin und studiert in Wien Klassische und Deutsche Philologie mit Schwerpunkt Altgriechisch. 2012 erschien ihr Debütroman Blasmusikpop oder Wie die Wissenschaft in die Berge kam, welcher als bester deutscher Erstlingsroman in Chambéry auf dem Festival du Premier Roman ausgezeichnet wurde. Im Januar 2014 wurde ihr Theaterstück Die Argonauten am Rabenhof Theater (Wien) uraufgeführt. Makarionissi oder Die Insel der Seligen erschien im Mai diesen Jahres und ist ihr zweites Werk. Die Autorin erhielt in den letzten fünf Jahren einige Stipendien, Preise und Auszeichnungen wie das Start-Stipendium des österreichischen Kultusministeriums, das Hans-Weigel-Literaturstipendium und den Theodor-Körner-Preis. Außerdem war sie Finalistin beim 17. Open Mike sowie Buchliebling in der Kategorie AutorIn des Jahres, Im Sommersemester 2014 war sie Writer-in-Residence an der Bowling Green State University (Ohio, USA). Seit diesem Jahr ist sie Sepp-Schellhorn-Stipendiatin.

Vea Kaiser, Makarionissi oder Die Insel der Seligen. Roman. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2015. 464 Seiten, 19,99 Euro, E-Book 17,99 Euro.

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