Die etwas anderen Berlin-Romane.

Bericht zur Lesung von Nellja Veremej’s „Berlin liegt im Osten“ und Deniz Utlu’s
„Die Ungehaltenen“ am 27.11.2014

von Kristin Krause

Die Lesung von Nellja Veremej und Deniz Utlu beweist, dass kulturelle Veranstaltungen nicht gezwungenermaßen in Buchhandlungen, Sprachinstituten oder Museen stattfinden müssen, sondern auch auf kulturfremdem Boden funktionieren. So finden sich am Donnerstagabend etwa 50 Zuschauer in der Arbeitnehmerkammer ein, um den beiden Autoren und dem was sie zu sagen haben, interessiert zu folgen. Moderiert wird die Lesung von Katrin Krämer, Moderatorin beim Nordwestradio, die auch gleich zu Beginn erklärt, dass Ereignisse wie die Globale von der Arbeitnehmerkammer immer wieder gerne unterstützt werden. Jedoch müssten die Romane, die dort vorgestellt werden, in das eigene Themenfeld passen. Jedes Jahr würden es die Festivalorganisation jedoch immer wieder aufs Neue schaffen, passende Romane in das Programm mit aufzunehmen. So auch dieses Jahr mit Nellja Veremej’s „Berlin liegt im Osten“ und Deniz Utlus „Die Ungehaltenen“, zwei untypische Berlin-Romane, die beide in unterschiedlicher Weise Grenzen überschreiten. Dennoch berühren, beflügeln und bereichern sie den Leser mit ihrer Grenzüberschreitung.

Nellja Veremej selbst hat in ihrem Leben Grenzen überschritten. Ihren Lebenslauf hat sie eigentlich an Lena verschenkt, wie Katrin Krämer es wunderschön zitiert, denn die beiden Frauen verbindet mehr als man auf den ersten Blick annehmen könnte. Auch Veremej war Altenpflegerin, als sie aus dem Kaukasus nach Berlin kam, auch für sie war der Begriff des Westens vor allem mit Gefühlen und Sehnsüchten verbunden. Lena ist, anders als ihre Schöpferin, jedoch im „Paradies“ nicht so weit gekommen, wie sie es sich erhofft hatte, dies wird in der ersten Textstelle, die Veremej vorliest, deutlich. Erfüllte und unerfüllte Sehnsüchte und Träume sind ein wichtiger Aspekt des Romans, ein weiterer ist die Stadt Berlin. Veremej, die selbst gerne Romane liest, die mit einem Ort verbunden sind und mit denen man diesen Ort erkunden kann, wollte sich in ihren Erstlingsroman vor allem mit sich selbst befassen. Deshalb musste es auch ein Roman über Berlin sein, die Geschichte mit Lena hatte sich dabei einfach ganz von selbst ergeben. Wichtiger Begleiter bei der Illustration Berlins stellte Alfred Döblins „Berlin Alexanderplatz“ dar, wie Veremej zweiter Textauszug zeigt. Lena geht immer wieder mit Döblin durch die Stadt, kein Zufall, sondern vielmehr von Veremej bewusst gesetzt. Döblin hat mit seinem Roman ihrer Meinung nach einen wichtigen Dienst an der Stadt Berlin getan.

Dieselbe Stadt wird auch in Deniz Utlus „Die Ungehaltenen“ gezeigt, jedoch von einer anderen Seite. Während bei Veremej in gewisser Weise eine versunkene Welt zum Leben erweckt wird, zeigt Utlu in seinem Roman das junge Berlin, das Berlin der Nischen, aber auch der Überforderung. Die vorgetragene Textstelle zeigt sofort durch den unterschiedlichen Tonfall auf, dass es sich um komplett verschiedene Helden handelt. Anders als Lena ist Elyas, Utlu’s Protagonist, rastlos, wütend und umgetrieben. Utlus Art und Weise vorzulesen war dabei jedoch etwas gewöhnungsbedürftig, viele Personen aus dem Publikum geben im Anschluss an, sich die Stimme von Elyas anders vorgestellt zu haben, etwas aggressiver und weniger poetisch.

Wichtiges Thema in beiden Romanen ist die Herkunft. Utlu betont dabei jedoch, dass es für Elyas nicht darum geht, seine Heimat zu suchen. Vielmehr versucht er mehr über seine Herkunft und die Geschichte seines tödlich erkrankten Vaters zu erfahren. Veremej bringt in der Diskussion zu diesem Thema das Bild des Gegen-die-Wand-Laufens ein. Dies stellt sich bei jedem anders ein und hängt oftmals vom Alter ab. Doch letztendlich kehren zwangsläufig die Gedanken an die vergangene Zeit zurück und man setzt sich damit auseinander.

Interessant ist zu sehen, dass Deniz Utlu diesem Sinnbild des Gegen-die-Wand-Laufens ebenfalls zustimmen kann, dieses nur in einen anderen Kontext bringt. In seinem Roman setzt sich Elyas letztendlich nicht durch sein Alter mit sich selbst auseinander, sondern durch den Tod seines Vaters. Dadurch macht er die ersten existenziellen Erfahrungen und wird erwachsen.

Beide Romane hatte ich zur Vorbereitung der Globale gelesen und vor allem durch die sehr anregende Diskussion und das Hintergrundwissen über die Autoren wurden mir sehr viele neue Denkanstöße gegeben, die Bücher nochmal neu zu lesen. Am Ende des Abends wurde zusätzlich noch eine andere Ebene des Festivals gezeigt, die Film und Literatur miteinander verbindet. Zusammen mit Deniz Utlu haben Schüler des Alexander-von-Humboldt-Gymnasiums Kurzfilme zu „Die Ungehaltenen“ konzipiert und gedreht. Dabei wurden Textstellen durch die eigene Inspiration der Schüler in einen neuen Kontext gebracht. Es eröffnete sich somit noch einmal eine ganz andere Ebene der Textreflexion.

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