„Ein Text muss krachen“

Tag 2: Lesung von Saša Stanišić im Moments

von Silvia Rosenlund

Vor dem Fest von Sasa Stanišić ist ein Buch, an dem man nicht vorbeikommt. Hochgelobt, vielfach ausgezeichnet und zudem ein absoluter Bestseller. Aber gibt es trotzdem auch Leser, die anderer Meinung sind? Es gibt sie. Ich kenne einige, die den Roman begonnen haben und nicht damit zurechtkamen, verunsichert waren, nicht recht wussten, wie man ihn am besten lesen könnte. Und ganz ehrlich gesagt, ich gehöre auch dazu. Und ich kann allen, denen es ähnlich geht und die das Buch nach einigen Passagen wieder aus der Hand gelegt haben, nur sagen: Geht zu einer Lesung! Erlebt Saša Stanišić live und ihr werdet begeistert sein von diesem Buch! So wie das Publikum, das sich am Samstagabend im gedimmten Licht bei Kaffe, Sekt und Bier an den Tischen im Moments eingefunden hatte um Stanišić zu lauschen und ihn ein bisschen näher kennenzulernen.

Im Gespräch mit Elke Schlinsog vom Nordwestradio kam natürlich die Frage auf, warum sein zweiter Roman denn nun ausgerechnet in der Uckermark angesiedelt sei. Die Uckermark an sich sei nur eine von vielen Möglichkeiten. Es hätte auch das Allgäu sein können, sagt Stanišić. Was den Ort ausmachen sollte, war eine gewisse Isolation und die Überalterung. Es sollte ein Dorf sein, das mit sich selbst und mit der Geschichte zu tun hat und eines, in dem sich das Verschwinden in allen Stufen zeigt. Aber es sei keine ursprünglich uckermärkische Geschichte, denn auch Figuren, Mythen und Erzählungen aus seiner bosnischen Heimat wurden ein wenig angepasst und in die Uckermark verlagert. Das merkt aber keiner, sagt er lachend.

Stanišić erzählt, dass alle Figuren, die in Vor dem Fest auftauchen, auch immer etwas vom Autor selbst in sich tragen. Bei Frau Kranz liegen die Ähnlichkeiten in der Biographie, bei Herrn Schramm in der Wortwahl, bei allen ist etwas vom Autor eingewoben. Bei allen bis auf Dittsche.  Stanišić liest mehrere Passagen aus dem Buch, weil er den Zuhörern ein Gefühl für die verschiedenen Figuren und ihre eigene Sprache und Erzählweise geben möchte. Er möchte sie mitnehmen in die Geschichte, mitnehmen nach Fürstenfelde. Dabei liest er auch Teile aus der jahrhundertealten Vergangenheit des Dorfes, die er mithilfe von Recherche in Archiven und Wörterbüchern erschaffen hat. Diese historische Ebene einzubauen, die Sprache dazu, das hat Spaß gemacht, sagt er. Und ein fiktionales Dorf brauche eben seine fiktionalen Legenden. Außerdem, sagt er, glaube er fest daran, dass Märchen und alte Geschichten das Bewusstsein solcher Orte nachhaltig prägen können.

700 Seiten Material habe er gehabt, etwa 300 Seiten hat das Buch. Und so liest der Schriftsteller an diesem Abend auch eine Passage, die nicht mit ins Buch aufgenommen wurde, an der er aber hängt und die er deswegen mit dem Publikum teilen möchte. Einige von diesen ausrangierten Passagen sind auch auf seiner Website zu finden. Wenn man das Buch gelesen hat und noch ein bisschen weiter durch Fürstenfelde wandern möchte, sagt er, dann kann man dort weiterlesen. Ich bin mir sicher, das werden einige tun, die sein Buch gelesen haben. Denn wenn man Vor dem Fest einmal live von Stanišić vorgelesen bekommen hat, dann ist man begeistert. Schon bei der Eröffnungsfeier der Globale wollte er am liebsten noch weiterlesen und sein nächstes Hörbuch, ergänzt Stanišić, möchte er unbedingt live aufnehmen. Bei dieser Lesung jedenfalls fühlt man dank seiner enthusiastischen Performance die Lebendigkeit, die trotz des eher eintönigen Alltags in Fürstenfelde noch vorhanden ist. Nicht zu vergessen die Komik, die bei all der Tragik in seinem Roman eine entscheidende Rolle spielt. Ein Text muss krachen, sagt er. Vor dem Fest tut es. Davon bin nun auch ich überzeugt.

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