Deniz Utlu: Die Ungehaltenen

„Mit den Zähnen zog ich den Stift aus der Handdrohne, die ich noch aus dem Dritten Weltkrieg hatte, und ließ sie dem Moderator in den vor Schreck offenen Mund fliegen“ – Ungehalten ist ein sehr milder Ausdruck für das, was in Elyas, dem Protagonisten des Erstlingswerkes von Deniz Utlu vorgeht.

Sind Gewaltfantasien, Wut und das Gefühl von Leere das einzige, was dem jungen Elyas bleiben?

von Sebastian Klaßen

Müde und erschöpft von sozialen und gesellschaftlichen Ritualen ergibt sich der in Berlin lebende Deutschtürke Elyas immer weiter seiner Apathie und steigert sich zunehmend in aggressive imaginäre Szenarien, die er gegen seine Mitmenschen und die Gesellschaft als Ganze richtet. Im Roman wird sein täglicher Lebensablauf geschildert, welcher zunehmend absurder, ungeordneter und realitätsfremder wird. Elyas geht Fragen von Zugehörigkeit in der Gesellschaft und dem verlorenen Heimatgefühl nach. Nacheinander brechen seine sozialen Kontakte zu Freunden und Familie ab und selbst sein vielversprechendes Jurastudium setzt er nicht weiter fort. Nach dem Tod seines schwerkranken Vaters und der Reise der Mutter in die Türkei nimmt er Kontakt zu Aylin auf, einer jungen Ärztin, der er auf der 50Jahrfeier zum Anwerbeabkommen näherkommt und welche ein ähnliches Schicksal mit ihm teilt. Seine Gewaltfantasien nehmen an Absurdität zu, bleiben jedoch ohne Konsequenzen. Nach dem Tod von Aylins eigenem Vater reisen die beiden in die Türkei, auf der Suche nach einer Gesellschaft, der sie sich zugehörig fühlen. Dennoch finden sie auch in der Heimat der Eltern nicht ihren Platz und werden auch dort als Fremde behandelt. Schließlich kehrt Elyas nach Berlin zurück, augenscheinlich gereift und ruhiger, aber ohne Aylin. Es endet dort, wo alles begann – mit Onkel Cemal, der es geschafft hat aus der Vergangenheit zu lernen und damit in die Zukunft zu treten.

Während die erste Hälfte des Romans vor allem durch seine poetische und eindringliche Sprache besticht, die einen geradezu einlädt, mit Elyas durch Berlin und seine Gedankenwelt zu hasten, verflacht der Plot mit der Reise der Protagonisten in die Heimat der Eltern. Das Narrativ wirkt im Vergleich zur ersten Hälfte zäher und langatmiger, die Figuren erscheinen blasser und verlieren ihre vormals beeindruckende Tiefe. Der Leser, anfangs noch durch Elyas Gewaltfantasien gepackt, verkommt zum Mitreisenden auf einem künstlich aufgebauschten Road-Trip durch die Orte der Vergangenheit der Eltern. Eine Stärke des Romans ist, wie Elyas, als authentische, clevere, aber auch irrationale und depressive Figur sich reflektierend durch andere Figuren, zwischen Gegenwart und Vergangenheit bewegt. Er regt an, darüber nachzudenken, was man daraus für die eigene Zukunft mitnehmen kann. Die eingangs erwähnten großen Fragen nach Zugehörigkeit und der Rolle des Individuums in der Gesellschaft bleiben jedoch offen. Vielmehr motiviert der Autor eine ganze Generation, sich mit diesen Fragen zu konfrontieren und die eigene Aufgabe zu hinterfragen.

 

Deniz Utlu: Die Ungehaltenen, Roman, Graf Verlag, München, 2014, 240 Seiten, 18€

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