Interview mit Dr. Silke Behl

Bremen, den 19.11.2014

Dr. Silke Behl, Kulturredakteurin bei Radio Bremen im Bereich Literatur, wird im Rahmen des Globale Literaturfestivals die Moderation der Eröffnung am Freitag, den 21.11.2014 übernehmen.

Sie sind eine Expertin in Literaturfragen und mit vielen Festivals vertraut. Was macht die Globale für Sie zu etwas Besonderem?DSCI0376

Das Besondere an der Globale ist der Blick über den Tellerrand. Und die Wahrnehmung dessen, dass bei uns mittlerweile sehr viele Autorinnen und Autoren leben, die einen anderen Hintergrund haben, die aus anderen Ländern zu uns kommen. Damit ist die Globale für mich ein fantastisches Beispiel dafür, wie wir das ernst nehmen. Wie wir auch auf die Menschen gucken, die vielleicht in der ersten, zweiten oder auch schon dritten Generation mit uns leben, aber eigentlich einen anderen sprachlichen Hintergrund haben. Es ist eine fantastische Idee, die auch den realen Entwicklungen Rechnung trägt, dass mittlerweile sehr viele Menschen einen migrantischen Hintergrund haben. Ich habe gerade in der vergangenen Woche die Zahl einer Studie gehört, dass jeder vierte Student in Deutschland einen migrantischen Hintergrund hat. Und deshalb finde ich dieses Festival so toll.

Da Motto der diesjährigen Globale lautet „Land in Sicht“. Was verbinden Sie damit bzw. welche Aspekte stehen für Sie bei dieser Globale im Vordergrund?

Land in Sicht? Da denke ich zunächst mal daran, dass es viele Leute gibt, die kein Land in Sicht haben. Da denke ich z.B. ans Mittelmeer, da denke ich an unsere Politik, Europa abzuschotten, gegen die Leute, die in höchster Not ein Boot besteigen und dann eben kein Land in Sicht haben. Wenn man es jetzt positiv wenden will, dann würde ich sagen, wir haben doch schon ein bisschen Land in Sicht. Besonders in Deutschland, das muss ich wirklich sagen, haben wir eine Offenheit erreicht, mit der wir über migrantische Fragen reden. Mit der wir auch über Einwanderung reden, die mir persönlich ganz gut gefällt. Da habe ich letzte Woche Zahlen gehört, dass immerhin 60 Prozent unserer Bevölkerung der Meinung sind, man dürfe diese Menschen, die zu uns kommen wollen, nicht alleine lassen und müsste da eine Regelung finden.

Sie moderieren die Eröffnungsfeier, die mit Sigrid Löffler und Saša Stanišić hochwertig besetzt ist. Was erwarten Sie von der Eröffnung / von diesem Abend?

Ich finde es ist eine großartige Idee gewesen, Sigrid Löffler einzuladen für die Eröffnungsfeier einer Globale. Sie hat im vergangenen Jahr ein Buch vorgelegt, das ich persönlich mit angehaltenem Atem gelesen habe. Der Hintergrund für dieses Buch sind in etwa 200 Romane, die alle geschrieben worden sind von Menschen, die irgendwann mal im Laufe der letzten 100 Jahre von irgendwo her aufgebrochen und irgendwo angekommen sind. Da geht es um Fragen, mit welchen Hoffnungen und Ängsten die Menschen aufbrechen, was für Erfahrungen sie in der Fremde machen, wie sie die Erfahrung von Fremdheit verarbeiten, wie sie in einem fremden Land aufgenommen werden.

Fazit ist, wenn wir uns die Literatur angucken, haben wir zunächst mal einen ganz persönlichen Zugang zur großen Geschichte. Wir erfahren etwas von Menschen, deren Lebensumstände wir gar nicht genauer kennen. Wir erfahren es auch sehr detailreich, warum sind sie aufgebrochen, was für Erfahrungen sie genau gemacht haben in ihrem Ankunftsland. Wir können auch in diesem Überblick, den Sigrid Löffler bietet, sehen, dass über die Generationen hinweg eigentlich Integration fantastisch funktioniert. Wir sehen immer nur die Probleme. Die Probleme, die es vielleicht macht, sich mit dem Fremden auseinanderzusetzen und vielleicht integrativ zu wirken – auch als Gesamtgesellschaft. […]

Und Saša Stanišić ist so ein tolles Beispiel. Er kommt übrigens auch vor, in ihrem Buch. Ich weiß gar nicht ob Saša Stanišić das überhaupt weiß. Nach Sigrid Löfflers Meinung gehört er auch zu den großen neuen Erzählern, die sie hier vorstellt. Er ist ja in Bosnien geboren, er war 14 als der Jugoslawien-Krieg ausbrach und ist dann nach Deutschland gekommen. Heute ist er ein erfolgreicher Schriftsteller, schreibt auf Deutsch. Bei ihm ist die Integration wahnsinnig schnell gelaufen. Ich glaube ich werde ihn morgen Abend auch fragen, wie das für ihn war. Ich kann mir das nicht vorstellen, er ist ja noch ein sehr junger Mann. Wenn man dann mit 14 plötzlich in einen ganz anderen Sprachraum kommt, in eine ganz andere Kultur, wie man das in so einem wirklich rasanten Tempo schafft, dass er schon auf Deutsch solche Romane schreibt, die uns auch viel erzählen.

Sein Roman „Vor dem Fest“ ist auch ein Thema worüber ich gern mit Sigrid Löffler und ihm sprechen möchte. So ein verlassenes Dorf. Da ist ein Dorf am Verschwinden. Ich glaube, das ist auch etwas, was wir weltweit erleben, wir erleben überall eine Art Landflucht und eine zunehmende Verstädterung der Menschheit. Das wirft natürlich auch verschiedene Fragen auf. Erstens, wie kommen wir in den großen urbanen Ballungszentren zurecht, wenn da sehr viele verschiedene Gruppen, Ethnien usw. vertreten sind, die alle sozusagen Erinnerung, eine bestimmte Identität mitbringen, und wie kommen wir damit zurecht, dass z.B. dörfliche Regionen, ländliche Regionen veröden. Und wie Saša Stanišić das auch beschreibt, übrigens am Beispiel eines Dorfes in Brandenburg in der Uckermark und nicht am Beispiel des Verschwindens seines eigenen Heimatdorfes in Bosnien. Das finde ich wirklich interessant, da bin ich auch sehr neugierig, was er darauf zu sagen hat, warum er dieses ihm ja nicht vertraute Dorf in der Uckermark zum Thema gemacht hat.

Was sollten die Zuschauer bestenfalls von der Eröffnung mitnehmen?

Ich glaube Optimismus. Einen optimistischen Blick in die Zukunft, dass wir uns auch auf eine positive Weise damit auseinandersetzen können, dass viele Menschen zu uns kommen und dass unsere Gesellschaften integrationsfähiger sind als wir vermuten. Sigrid Löffler sagt ja in ihrem Buch, dass die Weltliteratur eine enorme Bereicherung erfahren hat, dadurch dass z.B. Menschen aus Indien, aus Jamaika, aus Afrika über ihre Herkunftsländer und übers Ankommen schreiben, und die machen das ja auf einer fantastischen Art und Weise, da sind ja viele Nobelpreisträger dabei. Die haben uns und der deutschen Literatur Impulse gegeben. Nicht nur die Literatur sondern auch die Gesellschaft insgesamt wird sich verändern. Damit müssen wir leben und das wird uns bereichern.

Wird es bei der Globale Live-Übertragungen der Veranstaltungen im Radio geben?

Es wird keine Live-Übertragungen geben, aber wir schneiden Etliches mit. Wir werden Lesungen und Diskussionen mitschneiden und dann natürlich im Nordwestradio in unseren Literatursendungen noch einmal ausstrahlen, für die, die vielleicht keine Gelegenheit hatten, dabei zu sein oder die nochmal nachhören wollen, was diskutiert worden ist.

Nach welchen Kriterien werden die Veranstaltungen dafür ausgewählt?

Ich habe selber ausgesucht, was wir mitschneiden. Wir schneiden natürlich die Lesungen mit, von denen wir glauben, dass sie bei unseren Hörern auf besonderes Interesse stoßen. Es ist ja alles toll, was im Programm ist. Wir können nur nicht alle Veranstaltungen mitschneiden. Zum Beispiel die Veranstaltung mit Sigrid Löffler und mit Sasa Stanišić, die schneiden wir mit. Dann auch eine Veranstaltung mit Juri Andruchowytsch, weil wir das für wichtig halten. Das Thema Ukraine beschäftigt uns jeden Tag in den Nachrichten. Und was Juri Andruchowytsch dazu zu sagen hat, das würden wir gern aufnehmen und unseren Hörern auch präsentieren.

Als Buch-Autorin, Hörfunkredateurin und Moderatorin sind Sie ja multimedial präsent. Auf der diesjährigen Globale gibt es neben Lesungen auch Filmvorführungen und ein Konzert. Was reizt Sie persönlich an der multimedialen Auseinandersetzung mit Literatur?

Ich finde das sehr wichtig. Also überhaupt das Überschreiten von Schnittstellen zwischen Literatur, auch Bildender Kunst, Musik, Film. Das ist übrigens auch etwas, was Autoren selber immer mehr in den Fokus stellen. Das sind andere Arten, die Welt zu begreifen und Welt zu beschreiben. Ich glaube, dass die einzelnen Künstler sehr gut voneinander profitieren können. Das sind manchmal so Eye-Opener. Ein Musiker arbeitet anders als ein Literat, aber es sind alles Möglichkeiten, Welt zu erfassen. Ich weiß auch, dass viele Autoren zum Beispiel gerne mit Musikern zusammen arbeiten, gerne mit bildenden Künstlern zusammenarbeiten, weil sie das bereichert. Ich finde das gut, dass das jetzt in diesem Jahr doch ein bisschen stärker in den Vordergrund tritt.

Sie waren schon mehrmals als Moderatorin auf der Globale vertreten. Können sie die Veranstaltungen selber auswählen und wonach gehen Sie dabei?

Also ja, ich werde meistens gefragt, was ich moderieren kann. Das sind ganz oft auch terminliche Fragen und ich glaube, dass die Organisatorinnen auch wissen, wo ich mich besonders zuhause fühle. Zum Beispiel mit Sigrid Löffler mache ich sehr oft Sendungen, und die wissen dann natürlich auch, dass ich Gesprächssendungen oder Stundensendungen über bestimmte Themen und bestimmte Autoren mache und dann fragen sie mich ganz gezielt, kannst du das nicht moderieren? 

Gibt es in diesem Jahr eine Veranstaltung, auf die Sie sich besonders freuen?

Ich freue mich sehr auf die Eröffnungsveranstaltung. Das ist immer ein bisschen ungerecht zu sagen. Aber was mich besonders brennend interessiert, ist das, was Juri Andruchowytsch zu sagen hat. Mit ihm gibt es ja mehrere Veranstaltungen während der Globale und das ist ein Thema, was uns alle interessiert. Und ich glaube auch, dass Schriftsteller einen anderen Blick haben, eine andere Sensibilität. Mir reicht das oft nicht, was ich in den Nachrichten höre oder was ich in der Zeitung lese. Ich möchte gerne so einen Innenblick haben und möchte wissen, wie ein Mensch wie Juri Andruchowytsch das sieht. Als er den Preis für Europäische Verständigung auf der Leipziger Buchmesse bekommen hat, da hat er gesagt‚ „Wir fühlen uns als Europäer, wir in der Ukraine, aber ihr habt eine ganz andere Blickrichtung. Guckt uns an, nehmt uns wahr“. Da sind die Leute aufgestanden, das war eine sehr emotionale Rede. Die Leute haben dieser schönen Rede von Juri Andruchowytsch minutenlang applaudiert. Gefolgt ist daraus nichts. Die Ukrainer haben sich, glaube ich, sehr alleine gelassen gefühlt. Ich bin gespannt, wie er heute auf die Entwicklungen schaut und was er uns zu sagen hat.

Weitere Informationen rund um die Übertragungen der Globale Lesungen im Nordwest Radio finden Sie unter diesem Link:

http://www.radiobremen.de/nordwestradio/sendungen/buchpiloten/kalender302.html

Das Interview führten Silvia Rosenlund und Kristin Krause.

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